American Football – LP3

Album LP3
Musikrichtung Emo, Indie, Post-Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

Die Geschichte von American Football ist eine ungewöhnliche. Die Könige des verträumten Emo-Indie-Rocks straight outta Collegedorm gewannen vor allem erst über die langen Jahre ihrer Abstinenz den sie heute so ungewohnt angenehm umgebenden Heldenstatus. Dieser Tage spielt die Band um die Kinsella-Brüder die großen Slots auf Festivals und füllt Säle statt schmuddeligen Alternativ-Schuppen, ohne die normalen Zwischenschritte gemacht zu haben. Dabei war ihre musikalische Rückkehr gar nicht so überragend, bestach höchstens durch ihr großes Maß an Vetrautheit. Man darf wohl ganz ungeniert behaupten: Hätte auf „LP2“ nicht der Name American Football gestanden, das Album hätte wohl nicht zu mehr als einer Randnotiz in der heutigen Musiklandschaft getaugt.

Das Comeback-Album also konnte zwar aus Nostalgiegründen punkten, fühlte sich ansonsten aber hauptsächlich wie eine modernisierte und von Kinsellas Soloprojekt Owen beeinflusste Neuauflage an, die nur bedingt mitreißen konnte. Das neue Werk der Emo-Heroen nun aber besticht durch ein hohes Maß an Originalität. Der Twinkle-Emo rückt dabei oftmals weit in den Hintergrund und überlässt das Rampenlicht nun lieber atmenden Post-Rock Versatzstücken. Die Songs sind so um einiges länger geraten als man das von den vier Herren aus Illinois gewohnt ist. Dabei steht ihnen das neue Soundgewand allerdings mehr als ausgezeichnet.

„Silhouettes“ holt den Hörer direkt ab mit seinem an Explosions In The Sky erinnernden Glockenspiel sowie den mollig warmen Gitarren, die völlig unaufgeregt einen immer beeindruckenderen Klangteppich entfalten. „LP3“ entwickelt schnell einen unaufhaltsamen Sog, der einen jedoch sachte und behutsam in seinen Bann zieht, statt unangenehm mitzureißen. Die von außen dazu geholte weibliche Unterstützung in Form von Paramores Hayley Williams („Uncomfortably Numb“), Land Of Talks Elizabeth Powell („Every Wave To Ever Rise“) und Shoegaze-Königin Rachel Goswell (Slowdive, „I Can’t Feel You“) erweist sich zusätzlich als voller Erfolg. Wenn auch auf unterschiedliche Weise geben alle drei Gastsängerinnen ihren Songs eine zusätzliche Rahmung, die sich vorzüglich in American Footballs musikalisches Konzept einpasst. Dabei besticht „LP3“ jedoch weniger durch einzelne Songs, als viel mehr durch sein kontinuierlich hohes musikalisches Niveau. Während die einzelnen Lieder des Vorgängers teilweise ein wenig wirkten, wie zusammengewürfelt, so scheint hier jedes genau am richtigen Platz. Dabei fließen die Songs teilweise beängstigend zielsicher ineinander.

Am Ende veröffentlichen American Football hier ihr musikalisch wohl bestes Werk, was so vor allem nach dem durchschnittlichen Comeback-Album nicht mehr unbedingt zu erwarten war. Auch wenn hier nicht der große Name drauf stehen würde: „LP3“ ist ein wirklich umwerfendes Album, das Indie, Emo und Post-Rock zum musikalischen Äquivalent eines Platzes am Kamin im tiefsten Schneetreiben draußen macht, einen warmen Tee in der Hand, in die flauschigste Decke der Welt eingemummelt und verträumt und melancholisch abschweifend ins Nichts blickend.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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