An Horse – Modern Air

Album Modern Air
Band An Horse
Musikrichtung Indie-Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

Wahrscheinlich stand etwas ähnlich Kreatives bereits vor ziemlich genau einem Jahrzehnt in Rezensionen zu An Horse, aber Grammatik scheint keine der Stärken des australischen Indie-Duos zu sein. Dessen Qualitäten liegen ganz woanders – und trotz der auch zuvor enormen Hitdichte im fluffig-versöhnlichen Œuvre der Band hat es ganze acht Jahre gedauert, bis es mit „Modern Air“ nun Album Nummer drei unter die Leute bringt. Darauf fusionieren Kate Cooper und Damon Cox in elf neuen Drei-Minuten-Nummern ihre Idee von brausendem Alternative Rock mit quietschfidelem Bubblegum-Pop und, zack, schon sind gefühlt wieder die frühen Zweitausender. Willkommen zurück.

„This Is A Song“ prescht voran, eine Dampfwalze von Vorab-Single, „ah-whoo“s mit Bratgitarre und Mitsing-Potential galore. Als hätte eine Meute Baby-Alpacas alte Nirvana-Platten entdeckt, so süß ist das, aber trotzdem Rock’n Roll. „This is a song for all the times they got you wrong / This is a song for all the times you didn’t belong / But we are okay now.“ Laut Musik aufdrehen und auf dem Bett rumspringen half schon in Kindertagen und tut es selbstverständlich auch noch heute. Man fühlt sich bei An Horse an die Riot Grrrl-Phase von Kate Nash erinnert, oder an Dover: alle ganz schön niedlich, wenn sie wütend sind. „Live Well“ hat – und der Vergleich liegt nicht nur aufgrund der ähnlichen Besetzung nahe – was von den Blood Red Shoes, nur freundlicher und ohne den Vamp-Faktor.

Meistens gehen An Horse gut nach vorne und geben ordentlich auf die Zwölf („Drown“, „Ship of Fools“), für ein bisschen Entspannung sorgen „Started A Fire“ oder auch „Bob Ross (Be The Water)“. Letzteres kommt zwar mit etwas merkwürdigen Elektro-Spielereien daher, ließe sich aber tatsächlich mitten in der Nacht als Untermalung des auf stumm geschalteten Maler-Hippies im Fernsehen vorstellen. Nicht wirklich aufregend, aber ein kleiner, glücklicher Unfall allemal. Noch spannender musiziert wird hier: „Breakfast“ kippt ein bisschen in den Pop-Punk romantischerer Prägung. In der Balladen-Fingerübung „Mind Reader“ kommen die Akustische und Streicher zum Einsatz. Und „Fortitude Valet“ schichtet haushohe Gitarrentürme übereinander und lugt schüchtern in Richtung Shoegaze.

An Horse versehen jede Nummer mit einer einprägsamen Melodie und meistern den Spagat zwischen Abwechslung und Kohärenz, als hätten sie wirklich die ganzen acht Jahre intensivst an der möglichst perfekten Comeback-Platte geschustert. Diese hat kein Gramm Fett zu viel und verbreitet gute Laune ohne Netz und doppelten Boden, appelliert an Bauch und Herz und fordert den Hörer nicht heraus. Auf kryptischen und komplizierten Angeber-Rock, den man zunächst entziffern muss, haben An Horse keinen Bock. Das klassischste aller Trinkspiele ließe sich auf „Modern Air“ im Übrigen auch anwenden: für jedes zuckersüße „Fuck“ einen Shot, und die Nacht ist gelaufen. Neben dieser Zweckentfremdung aber ist „Modern Air“ kuschlig weich und lädt geradezu zum Knuddeln und Liebhaben ein: Indie-Pop mit Charme und wohldosiertem Getöse für alle Lebenslagen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream, Placebo - s/t, The National - Boxer/High Violet, Nirvana - In Utero
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Wolf Alice (Frankfurt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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