AnnenMayKantereit – Alles Nix Konkretes

Musikrichtung Pop, Rock, Folk
Redaktion
Lesermeinung
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Deutschlands Band der Stunde ist zum Problem geworden, zumindest für Journalisten. Natürlich will jeder das eine, ganz besondere Stück über die bejubelten Herren Christopher Annen, Henning May, Severin Kantereit (und Malte Huck) schreiben. Problem nur: Die Auserwählten bieten keinen Stoff für spektakuläre Heldensagen. Viel lieber betonen sie tagein tagaus, wie normal sie eigentlich ticken. Eben genau so wie unzählige andere Durchschnitts-Studenten in ihren Mittzwanzigern auch. Irgendwo zwischen Dosenbier-Party, der ach so bösen Prüfungsphase und sonstigen banalen Alltags-Wehwechen. Also wetteifern dieser Tage „Zeit“, „F.A.Z.“ und Co, wer den spannendsten Gleichklang über diese – ja genau – stinknormale Jungsbande abliefert.

Derart angenehm unprätentiös knattern sie nun also in ihrem roten VW-Bulli durch die Lande. Ihre Crew ist eine einzige große Kumpel-Kommune, Interviews werden auch schon mal flugs zur Koch-Session in der WG von Manager/Schulfreund Carlo umfunktioniert und dieser ganze Trubel, der erscheine ihnen ja sowieso völlig surreal. Die lockeren Langweiler von nebenan sind eben immer noch genau die gleichen Typen, die sich irgendwann 2011 in die Kölner Fußgängerzone gehockt und drauflos musiziert haben. Kauft man ihnen ohne Weiteres ab – auch weil sie musikalisch bis heute nicht über die Straße hinausgekommen sind. Dass „Alles Nix Konkretes“ in den legendären Hansa-Studios (David Bowie lässt grüßen) veredelt wurde und AnnenMayKantereit zum Hinterhof-Label Universal gehören, tut nichts zur Sache.

Denn hier ist noch alles echt. Handgemachte Musik, ohne elektronische Falltüren, aber mit natürlichen Makeln. Authentisch eben, keine perfekte Industrie-Illusion, sondern das wahre, harte Leben. „Alles Nix Konkretes“ bedient passgenau jenen Trend, dem momentan die gesamte wohlbetuchte Welt hinterherläuft – raus aus dem Moloch Mega-City, zurück in die ewig-wahre Natur! Casper will ja auch so perfekt ins Hinterland. Nur propagiert der Bielefelder neben der Pseudo-Landflucht ins Flanelhemd eben vor allem Selbstverwirklichung – auf und davon ins eigene Glück, gegen alle Widerstände.

Die AnnenMayKantereit-Idylle beschränkt sich dagegen auf das durchgelegene WG-Sofa. Sachte Träumereien von einer Altbau-Wohnung mit der Angebeteten sind das Höchste der Gefühle. Auf dass die Welt bloß draußen bleibe.

Das Erfolgs-Geheimnis dieses Biedermeier-Revivals ist freilich simpel: Es ist die Seemanns-Stimme von Henning May. Der drahtige Wuschelkopf Marke Thomas Müller klingt nämlich als sei er nie im gediegenen Köln-Sülz zur Schule gegangen, sondern hätte seine Jugend auf einem Fischkutter in der Sturm durchpeitschten Nordsee verbracht. Wahrlich beeindruckend. Da geht sogar die Welt mal unter – und der AMK-Stern auf.

Mays Wunderorgan braucht es auch. Denn der Überbau von „Alles Nix Konkretes“ ist maximal unambitioniert: Eine platte Rundumbetrachtung von Mays Fernbeziehung (lief nicht so pralle) und die pseudo-substanziellen Probleme eines lethargischen Klischee-Studenten (dezent überfordert).

Hört man „Oft gefragt“ mutet das alles aber reichlich seltsam an. Denn mit Mays atemberaubend-intimer Danksagung an seinen Vater haben die Kölner den vielleicht besten Deutsch-Pop-Song der letzten fünf Jahre geschrieben. Mit einer alles ergreifenden Inbrunst presst der 24-jährige da seine Worte heraus, ganz wie Mumford & Sons zu ihren Hochzeiten, als wäre alles Andere auf der Welt nicht der Rede wert. Mutig, verletzlich und mit unnachahmlichen Drang. Die sanft-folkige Begleitung kann gar nicht zurückhaltend genug sein.

„Hab keine Heimat, ich hab nur dich, du bist zu Hause für immer und mich“
„Pocahontas“ tickt ähnlich, für die Ewigkeit ist aber nur „Oft gefragt“. Dafür setzt Mays Fernbeziehungs-Drama Akt eins noch mehr auf die Mumfords-Karte: rohe Akustik-Gitarre, stampfendes Schlagzeug und ein verzweifelt-leidender Henning May. Passt. Textlich ist das mehr schlecht als recht zusammengeschustert, kitschig sowieso. Aber all das kennt man von den Meisterwerken der Briten – und hat da ebenfalls noch nie gestört. Diese Chose funktioniert auch ganz klassisch rein mit Klavier. Ohnehin dreht sich „Alles Nix Konkretes“ nur um May – sein Leben, sein Lieben und seine Stimme. In „Barfuss am Klavier“ liefert der kleine Rio Reiser mit der schnoddrig-kölschen Schnauze ganz routiniert sein Balladen-Meisterstück ab.

Doch damit ist die Herrlichkeit vorbei. Es folgt harmloser WG-Küchen-Pop – gefällig, unscheinbar und nicht selten hanebüchen. Das zaghaft-rockige Mundharmonika-Drama „Wohin du gehst“ klingt noch ganz gefällig, aber schon der Studentenblues auf den Verlust der juvenilen Sorglosigkeit („21, 22, 23“) ist nichts als bieder, obwohl immerhin musikalisch interessant. Bei „Neues Zimmer“ allerdings kann kein Riff der Welt mehr das Schamgefühl ob Mays Dichtkunst übertünchen:

„Und die Matratze kratzt in der ersten Nacht ohne Lattenrost, ich krieg noch keine Post, Ummelden ist noch mehr Stress, gut, dass ich das eh vergess’“

Auch das Fernbeziehungs-Desaster geht weiter: In „Bitte Bleib“ tauscht May mit seiner Bald-Verflossenen noch fix ein paar Plattitüden aus, wobei ihm ja eh lieber wäre sie weinte einfach („Mir wär lieber, du weinst“). Tut sie nicht. Aber der Hörer fragt sich ohnehin längst nur noch wie zum Teufel diese Geschichte vom Parade-Ohrwurm „Pocahontas“ so schnell zum Narkotikum mutieren konnte.

Ja, selbst Sehnsucht wirkt bei AnnenMayKantereit apathisch. „Zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon, ich würd gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohn’“ (3. Stock) Nach mehr verlangt es nicht. Kein Drang, kein Herz, kein Ziel. Sinnsuche war gestern. Die Jungs zucken bloß mit den Schultern, gähnen und entgegen mit ordentlich Gottvertrauen: „Hey, wird schon alles werden.“ Diese kindisch-naive Planlosigkeit ist ja ganz nett und endlich ankommen wollen selbstverständlich ein hehrer Wunsch durch alle Generationen hinweg – nur klang der selten so blutleer. Der vertonte WG-Party-Nonsens-Dialog „Länger bleiben“ („Willst du nicht länger bleiben? Das ist echt kein Problem“) und das affig-aufgebrezelte Mokieren über stinklangweilige Tour-Routinen („Das Krokodil“) sind dann nicht einmal mehr nett, sondern einfach nur bodenlos.

„Wir wehren uns dagegen, das Sprachrohr einer Generation zu ein“, haben die Herren dem „stern“ erzählt. Der Bürde dürften sie entkommen sein. Denn dafür müsste man ja was zu sagen haben und davor hütet sich „Alles Nix Konkretes“ geradezu meisterhaft. Ist auch kein Problem, aber warum nach drei starken Songs nur noch Stückwerk kommt, sollten sich AnnenMayKantereit dann doch mal fragen. Für noch so ein Album haben sie nämlich hörbar zu viel Talent.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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