AnnenMayKantereit – Schlagschatten

Album Schlagschatten
Label Vertigo
Musikrichtung Alternative, Pop
Redaktion
Lesermeinung
3.1666666666667

„Der Song hat keine Botschaft. Botschaften sind was für Nationalstaaten. Belehren wollen wir nicht und es gibt auch keine eindeutige Message, die ich in einem Satz zusammenfassen könnte.“

Henning May trat gegenüber der SZ gleich mal auf die Bremse. Ja, „Weiße Wand“ ist ein untypischer Song für AnnenMayKantereit, aber politisch, nein, das wollen sie dann doch nicht sein. Dabei hagelte es reichlich Lob. Nicht nur weil das im The xx-Gewand gehaltene Stück musikalisch positiv überrascht, sondern auch textlich tatsächlich einmal die sprichwörtliche Komfortzone verlässt.

Das allein wäre schon eine Meldung wert gewesen: Schließlich haben sich die Senkrechtstarter bislang eher als Fachleute für mehr oder weniger anspruchsvolle Werke über Herzschmerz, Sinnkrisen oder den Versuch eines lebensunfähigen Studenten sich Umzumelden hervorgetan. Kaum verwunderlich waren die weniger anspruchsvollen Werke in der Überzahl – und daran hat sich nichts geändert. „Weiße Wand“ war nur ein Strohfeuer.

„Die Decke aus Glas ist ’ne weiße Wand, auch wenn ich das nicht beweisen kann.“

„In meinem Bett“ wartet nämlich viel lieber mit einer penetrant fröhlichen Friede, Freude Eierkuchen-Melodie auf, die einen eigentlich nur wahnsinnig machen kann. Wer standhaft bleibt, den erledigen spätestens Mays Texte: Durch meine Fenster fällt das Licht und ich glaube nicht, dass du und ich, heut‘ nochmal rausgehen, ich glaube, dass wir nicht mehr aufstehen“. Alles gut, die böse Realität bleibt draußen, wir langweilen uns lieber zu Tode im unaufgeräumten WG-Zimmer. Was will man denn auch mehr? Achja, natürlich, vielleicht ein bisschen Gras rauchen (damit kennt May sich aus, bei ehrlichem Interesse ziehe man „Schon Krass“ zu Rate), `ne neue Netflix-Serie anfangen und bisschen Fast-Food von gestern genießen („Ich geh heut nicht mehr tanzen“). Was May da besingt, klingt für manche seiner Fans mit Sicherheit nach einem gar nicht mal so üblen Tagesablauf. Aber warum sollte man darüber einen Song schreiben, geschweige denn hören wollen?

Fragen über Fragen. Doch AnnenMayKantereit kennen ihre Zielgruppe bestens – und wer wollte es den Kölnern ankreiden, dieser auch auf Album Nummer zwei nach dem Mund zu spielen, wo ihnen doch auf jedem Konzert die Bude eingerannt wird? Immerhin, auf „Freitagabend“ wachen sie musikalisch einmal mal auf – eine angenehme Überraschung. Und „In der Innenstadt fahren junge Männer Autos, die ihn‘ nich‘ gehören, sie werden heute Nacht so oft auf die Familie schwören“ hat ja doch ein klein wenig Witz. Vielleicht dringt da aber auch bloß die Erleichterung durch, mal nichts aus dem stinklangeiligen Alltag eines notorisch trägen Klischee-Studenten zu hören.

„Schlagschatten“ hat seine hellen Momente. Es verdeckt sie nur sehr gut, „Hinter klugen Sätzen“ etwa ist eine Ballade, die den Namen durchaus verdient hat. Die Herren können eben doch Anspruch und Tiefe. Das haben sie mit „Oft gefragt“ – einer der besten deutschen Pop-Songs der letzten Jahre – ohnehin schon bewiesen, aber leider noch viel öfter verleugnet. Auch „Marie“ macht seine Sache gut. May versinkt in der Tragik seiner Weisen und die Kollegen mimen ein wenig die frühen Mumford & Sons. Wie gut dieses simple Rezept funktioniert, haben nicht nur die Briten selbst oft genug bewiesen.

„Mein bester Freund ist viel zu jung gestorben, und schon so lange hab‘ ich keine Mutter mehr, meistens fehlen mir dafür die Worte und wenn sie kommen, dann weiß ich nicht, woher und wärst du hier, wüsste ich, für wen“

Der Synthie-Beat zu  „Sieben Jahre“ aber ist dann wieder gefährlich einschläfernd und auf „Jenny Jenny“ mimt May eine gelangweilte Stewardess, die famos stoisch lächeln kann, während sie von einer Festanstellung träumt. Der Song ist mindestens so spektakulär wie die Geschichte. Wie sich diese Band von halbwegs starken Stücken schnurstracks in eine nervig dudelnde Belanglosigkeit mit grotesk-schaurigen Texten verabschiedet, ist einfach eine Kunst für sich – und sie spielen diese Begabung mit einer diabolischen Gnadenlosigkeit aus, die ihresgleichen sucht.

„Jenny, Jenny, Wolkenreiter, lächelt einfach immer weiter, so wie alle Flugbegleiter“

AnnenMayKantereit bleiben ein Phänomen. Mit „Weiße Wand“ beweisen sie einmal Mut und schüren sachte Hoffnung, nur um danach wieder in ihr charakteristisches Phlegma zu verfallen. Verstehen muss man das nicht, zumal „Schlagschatten“ die Gassenhauer von „Alles Nix Konkretes“ fehlen. Am Ende gibt ihnen lediglich ihr Erfolg recht und wer will, wird die ganze Chose auch weiterhin als wunderbar lebensnah, ehrlich und ungeschliffen preisen. Böse Zungen behaupten allerdings, weniger schmeichelhafte Interpretationen liegen näher.

 „Die Vögel scheißen vom Himmel und ich schau dabei zu und ich bin hier und alleine Marie, wo bist du?“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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