Antarctigo Vespucci – Love in the Time of Email

Musikrichtung PopPunk
Redaktion
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Versace, Dolce & Gabbana, Antarctigo Vespucci. Was sich als Name noch nahtlos in eine Reihe hochkarätiger Modelabels einfügen würde, ist in der Sache tatsächlich die klangvolle Kollaboration zweier Poppunkrock-Hochkaräter: Jeff Rosenstock, der mit seinem Namen übrigens durchaus auch Hawaiihemd-Designer sein könnte, und Chris Farren, der mit seinem wallenden Haar und dem verträumten Blick auch gleich Modell für die neue Kollektion stehen könnte. Zum Glück machen Rosenstock und Farren statt Mode lieber Musik. Und sie nutzen ihre aus namhaften Bands (Fake Problems, Bomb the Music Industry) und Soloprojekten bekannten Namen auch nicht, um mittelmäßige Ware durch klangvolle Etiketten künstlich aufzuwerten.

So richtig trendy und chic sind Antarctigo Vespucci mit einer Poppunk-Platte namens „Love in the Time of E-Mail“ anno 2018 sowieso nicht unterwegs. Die Ära romantischer Emails ist zu Zeiten von Whatsapp und Snapchat lange vorbei. Gab es jemals romantische eMails? Wenn, habe ich keine bekommen. Außerdem: was dieser Tage unter der Kategorie Poppunk läuft, sind immer gleich klingende Bands mit verwirrend ähnlichen Namen, die völlig überproduziert und oft untertalentiert Richtung Radiotauglichkeit und Red-Cup-Parties schielen. Zumindest beschweren sich so oder so ähnlich altgewordene Poppunk-Fans, denen vielleicht einfach die egozentrische emotionale Verwirrung der Pubertät fehlt. Die hätte sie vor zehn, fünfzehn Jahren wahrscheinlich noch in die hastig volltatöwierten Arme genau solcher Bands getrieben. Wenn mal ganz unerwachsen Poppunk aufgelegt wird, dann aus Nostalgiegründen.

Umso besser, dass ja auch neue Musik wunderbar nostalgisch klingen kann. Album Nummer 2 der zwei umtriebigen Ostküstler ist eine grandiose Powerpoppunk-Platte, die nach den gefühlt besten Tagen des Genres klingt. Das selbstbewusste Schlagzeug von Gaslight Anthem-Drummer und Antarctigo-Buddy Benny Horowitz hält die kraftvoll geschraddelten Gitarrren auf Zack. Verstärker quietschen, rückkoppeln und knarzen kurz, nur um dann wieder zuckersüße Klänge zu kanalisieren. Rosenstock und Farren haben keine Angst vor großen Worten und poppigen Refrains, kennen keine Berühungsängste mit Synthesizer-Klingklang und kitschigen Melodien. Alles wirkt gleichzeitig schamlos abgedroschen („White Noise“ greift schon tief in die Klischeekiste) und nichtsdestotrotz unwiderstehlich erfrischend: ob völlig überdreht wie in „Freakin U Out“, trotzig wie in „Not Yours“ oder niedergeschlagen wie in „Lifelike“ – das Duo scheint niemandem was vormachen zu wollen und hat schlichtweg Spaß an der Sache. In „The Price is Right Theme Song“ klingt auch mal Rosenstocks und Farrens Affinität zu rauerem Punkrock durch. „Do It Over“ hätten Fountains Of Wayne nicht besser schreiben können. Und endlich können „Ahaaaaaah„s wieder so emotional klingen wie in „So Vivid“.

Durchgängig ehrlich und impulsiv wirkend, können Antarctigo Vespucci volle 13 Songs mitreißen. „Love in the Time of Email“ ist auch inhaltlich keine durchgekaute Rock-Rohkost. Mit manchmal kehliger, manchmal glockenklarer Stimme sinniert Farren über die vielen verschiedenen, eben durchaus auch digitalen, Formen der ständigen Präsenz von abwesenden Personen: lange aufgehobene Emails, ungelesene Nachrichten, tiefe Gespräche mit maximal 160 Zeichen. Bezeichnenderweise geht gleich der Opener direkt zur „Voicemail“. You have 13 new messages: Auch wenn Antarctigo Vespucci uns nicht hören können – es macht Spaß, am anderen Ende der Leitung zu sitzen.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
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