Anti Flag – American Fall

Band Anti Flag
Musikrichtung Punk
Redaktion
Lesermeinung
5

Wenn der musikalische Jahreszeitenwechsel immer gute zwei Jahre dauert, dann könnte man davon ausgehen, dass die Qualität des Produkts darunter leiden müsste. Anti Flag aus Pittsburgh haben diesen Rhythmus allerdings schon seit jeher und sind grundsätzlich auch nicht allzu schlecht damit gefahren.

Nun ist das neueste und zehnte Studioalbum der politischen Punktruppe da – und seit „American Spring“ ist freilich auch einiges passiert. Vor allem: Donald Trump und sein Gefolge aus reichen Pinkeln haben mittlerweile im Weißen Haus das Sagen und wie man schon am Cover von „American Fall“ sieht, sind Anti Flag mit derem Schalten & Walten ganz und gar nicht einverstanden. Die Herren werden es zum Glück auch nicht leid, sich lautstark zu positionieren und das politische Geschehen in den Staaten zu kommentieren.

Das Album als solches ist es aber bei weitem nicht ihr Bestes. Die aggressive Energie ist textlich zwar größtenteils noch da, aber schon seit längerem spiegelt sich diese im musikalischen Bereich nicht mehr wider. Nicht falsch verstehen, „American Fall“ ist ein solides und absolut nicht überflüssiges Album,  das auch die „Ekelhaftigkeit“ (Zitat Chris Barker) des amerikanischen Präsidenten deutlich hervorhebt. Aber Anti Flag haben über die Jahre ihre eigene Messlatte sehr hoch gelegt und an Meisterstücke wie „The Terror State“ oder „Underground Network“ können sie leider nicht ganz anknüpfen – aber das ja schon seit längerem nicht.

Chris Barker (#2), Justin Geever (Sane), Patrick Bollinger (Pat Thetic) und Chris Head sind in dieser Besetzung seit 1999 als Anti Flag auf dem ganzen Globus unterwegs und das nicht gerade erfolglos. An sich beginnt auch „American Fall“ sehr vielversprechend und zwar mit einem Schrei zum Auftakt von „American Attraction“. Von Justin Sane gesungen kann dieser eher langsame und destruktive Song durchaus überzeugen.

„Criminals“, ein relativ typischer Justin Sane Song, geht in flotter Manier mit schöner Melodie und schönen „Woohhooos“ dann schon anders nach vorne los, bevor sich mit „When The Wall Falls“ eine Ska/Punk Nummer von Chris dazwischen schiebt.

youtu.be/568XMDeSk9k

Eine ihrer absoluten Stärken bieten die vier Amerikaner innerhalb der nächsten Songs feil: Stücke, die es auf den großen Bühnen schaffen, tausende Menschen dazu zu bewegen, lauthals mitzusingen. „Trouble Follows Me“, „Finish What We Started“ und „Liar“ sind absolut solche Kandidaten.

Compliments of the new world order – This is the new disorder! (Digital Blackout)

Über „Digital Blackout“ und „I Came. I Saw. I Believed.“ bewegt sich das Ganze dann zum absoluten Hit dieser Scheibe. „Racists“ ist ein Ohrwurm, der melodisch und textlich absolut zum Besten gehört, was Anti Flag zu vollbringen vermögen. Außerdem steht es hier wieder deutlich geschrieben, was die Band vom derzeitigen Weltgeschehen in Bezug auf Rassismus hält. Und es ist nicht nur der praktizierte Rassismus, der hier zum Thema wird, sondern auch der „Stammtischrassismus“ der im allgemeinen Leben seit jeher salonfähig ist/war. Auch dazu äußern sich die Mitglieder der Band jederzeit ohne ein Blatt vor dem Mund zu haben. Es ist ihre Berufung und die nutzen sie bestmöglich. Im Gespräch mit dem Bayrischen Rundfunk bringt Barker das nochmal unmissverständlich auf den Punkt:

„Ich will dich dabei haben im Kampf gegen Rassismus, Homophobie, Transphobie. Wir brauchen jeden in diesem Kampf, weil dieser Hass über dich hinwegfegt, weil er durch Trump über die USA hinwegfegt. Es wird uns alle brauchen.“

Produktionstechnisch und vom Songwriting her unterscheidet sich „American Fall“ nicht wirklich vom Vorgänger „American Spring“. Die Gitarren klingen sehr sauber und lassen eine gewisse Rauheit vermissen und das aggressive Tempo fehlt bei manchen Songs leider. Man weiß nicht, ob es am Erfolg liegt, dass man versucht das Ganze mehr für die breite Masse zu gestalten oder ob ein gewolltes Maß an Härte bewusst entfernt wurde, um sich selber eine Weiterentwicklung vorzugaukeln. Einzig die Stimmen von Justin und Chris haben nichts von ihrer Wirkung auf den Hörer verloren.

Es würde Anti Flag aber definitiv gut zu Gesicht stehen, auf ihre musikalischen Wurzeln zurück zu greifen und das in ihren neuen Songs auch ab und zu zur Geltung zu bringen. Live spielen sie ja auch noch „Drink Drank Punk“ oder „Die For The Government“ und werden dafür regelmäßig gefeiert. Das sollte doch auch in ihr Bewusstsein vordringen. Ansonsten ist „American Fall“ aber auf jeden Fall hörenswert. Es gehört in eine Sammlung eines Punkfans genau so, wie alle andere Alben von Anti Flag.

youtu.be/A1wB9kZ2dnA

Autor Tobi van de Wildmannen
Wohnort Tacherting
Beruf Monteur (Mobilfunk)
Dabei seit September 2016
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Berichte
Top-Alben Pascow - Diene der Party, H2O - Nothing to prove, Muff Potter - Bordsteinkantengeschichten, NOFX - Punk in drublic, Wizo - Uuaarrgh!
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