Architects – Holy Hell (Doppel-Review)

Album Holy Hell
Band Architects
Musikrichtung Metalcore
Redaktion
Lesermeinung
6.5

Als die Architects Anfang Februar vor 10.000 Menschen im Londoner Alexandra Palace spielten, wurde auch den Allerletzten klar, dass diese Briten so schnell nicht mehr verschwinden würden. Während Parkway Drive, denen lange Zeit viele (völlig zurecht) den Platz an der Genrespitze zusprachen, spätestens mit „Reverence“ dem Metalcore entwachsen sind, haben die Architects insbesondere mit „Lost Forever // Lost Together“ und „All Our Gods Have Abandoned Us“ das Genre in neue Bahnen gelenkt. Eine entscheidende Rolle spielte dabei gewiss eine ganz besondere Persönlichkeit – Tom Searle: Gründungsmitglied, Gitarrist, kreatives Mastermind und Zwillingsbruder vom Drummer Dan Searle. Die Erschütterung war riesig, als Tom im August 2016 im Alter von nur 28 Jahren den Kampf gegen den Krebs verlor.

Dass die Architects anderthalb Jahre später die eingangs beschriebene, für Genreverhältnisse gigantische, Show im Ally Pally spielen würden, stand zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Schließlich war zunächst einmal unklar, ob und wie die Band überhaupt weitermachen würde. Doch die Briten wollten Toms Erbe weiterführen, gingen wieder auf Tour und wuchsen noch enger mit ihrer Fangemeinde zusammen, wie die emotional Kurz-Dokumentation „Holy Ghost“ zeigt. Nun, gut zwei Jahre nach Toms Tod, steht „Holy Hell“ in den Startlöchern – die wahrscheinlich meist-ersehnte Metalcore-Scheibe des Jahres.

Alben wie „Lost Forever // Lost Together” und „All Our Gods Have Abandoned Us” machen es einer Band freilich nicht leicht, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Auf eine Enttäuschung muss man sich bei „Holy Hell“ aber keineswegs gefasst machen. Großen Teilen der Konkurrenz laufen die Briten nämlich noch immer davon. Bei Songs wie „Doomsday“, dessen Main-Riff zusammen mit vielen anderen Momenten auf „Holy Hell“ noch aus Toms Feder stammt, kann einem schließlich nur das Herz aufgehen. Denn hier zeigt sich einmal mehr eindrucksvoll, wie wunderschön „harte“ Musik doch sein kann. „Hereafter“ schwankt mit seinem brachialen Riff auf bemerkenswerte Art und Weise zwischen beherztem Magentritt und wohligem Ohrenschmaus. Eine reine Dampfwalze ist hingegen „The Seventh Circle“, das wie eine donnernde Lawine über den Hörer hereinbricht. Eindringlich ist auch „Royal Beggars“ mit seinen starken Kontrasten und dessen verhältnismäßig simple Gitarrenarbeit umso wirkungsvoller ist.

„Holy Hell“ ist keine Kopie der Vorgänger: Gleich bei „Death Is Not Defeat“ fällt auf, dass sich die Architects vermehrt bei Streichern bedienen, die etwa auch beim Titeltrack für eine andächtige Atmosphäre sorgen. Daran, dass die Briten sich treu geblieben sind, besteht allerdings kein Zweifel – Fans werden sich schnell zu Hause fühlen. Thematisch wird „Holy Hell“ natürlich von den vergangenen beiden, keineswegs einfachen Jahren bestimmt. „Now the oceans have drained out / Can I come up for air? / Because I’ve been learning to live without / And I’m fighting with broken bones” („Hereafter”). Dabei fasst die Band auch den Tod an sich, in seiner Unumstößlichkeit und Ungewissheit, ins Auge. „I guess we’re mortal after all (…) / All ends will be met / And all worlds must collapse” („Mortal After All”) und „Why do we fight what we can’t define? / Don’t be afraid, we all cross the same line” („Death Is Not Defeat”).

Bei all der Dunkelheit und Verlorenheit, von der „Holy Hell“ zweifelsohne erfüllt ist, möchten die Briten ihre Hörer nicht zum Resignieren und Einknicken vor den unausweichlichen Tatsachen des Lebens bringen. Schließlich haben die Architects mit „Holy Hell“ selbst vorgemacht, dass Schicksalsschläge nicht zum Aufgeben führen müssen. „No it’s time to sink or swim“ („A Wasted Hymn“).

(7/8) – Joshua Claaßen

 

Als im August 2016 der Tod des Songwriters und Gitarristen Tom Searle bekannt wurde, veränderte dies die Wahrnehmung von Architects völlig. Aber auch das Bild des zuvor erschienen Albums „All Our Gods Have Abondend Us“ sollte sich wandeln. Erschienen Lieder wie der Closer des Albums „Memento Mori“ nun in einem anderen, persönlicheren Licht. Mit dem neuen Album „Holy Hell“ werden die lyrische Beschäftigung mit der menschlichen Endlichkeit sowie die religiöse Metaphorik auf eine neue Stufe gehoben. Das Musikalische scheint dabei nicht ganz den Sprung geschafft zu haben.

When I leave this skin and bone / Beyond my final heartbeat /  I’ll dismantle piece by piece / And I will know that death is not defeat“ („Death Is Not Defeat“).

Während Sänger Sam Carter das Album mit diesen Worten eröffnet, wird dieser von melodiösen, aber dennoch angespannten Streichern begleitet. Darauf folgt eine kurze Pause und der Rest der Band setzt ein. Rhythmische Gitarren bauen ordentlich Tempo auf und wechseln sich dann unbemerkt mit einem ruhigen Streicherpart ab. Dieser entlädt sich dann völlig organisch, aber doch plötzlich in einem Breakdown. Nun setzen wieder sinnlich melodiöse Gitarren ein, bis der Song sich vor seinem raschen atmosphärischen Ende nochmals kurz aufbäumt. Dies könnte ein grandioser Einstieg in das Album sein. Doch leider setzen gegen Ende des Songs plötzlich „Ey“-Rufe des Sängers ein. Dies ist schon auf Konzerten als Animation des Publikums ziemlich stumpf. Auf dem Opener ist dieses Element aber völlig deplatziert und macht ihn somit kaputt.

Das restliche Album behält dann aber zum Glück die Qualität bei, die sich zunächst auf dem Opener ankündigte. Die Band hat ihren Sound konsequent weiterentwickelt und um deutlichere Streichereinsätze und subtile elektronische Sounds erweitert, welche immer wieder von harten Djent-Gitarren, die in Breakdowns münden, durchbrochen werden. All dies fügt sich zu einem sehr harmonischen und organischen Ganzem zusammen, welches leider immer in sehr ähnlichen Songstrukturen verbleibt. Lediglich der Song „The Seventh Circle“ sticht mit einer sehr kurzen Spielzeit, seinem relativ brutalen Charakter und seiner hardcorigen Art aus den anderen Songs heraus. Da wurde das Song-Korsett auf dem letzen Album doch öfters gesprengt.

Aber was sich musikalisch in diesen Strukturen abspielt, ist trotzdem sehr tiefgreifend, unheimlich atmosphärisch und variantenreich. So findet man zum Beispiel auf dem Titelsong „Holy Hell“ dramatische Streicher, welche hervorragend mit einem punkigen Schlagzeugspiel harmonieren. Oder „Doomsday“, das mit seinen in Teilen sehr virtuosen Jazz und Djent-Gitarren teils an „Animals As Leaders“ erinnert.

Auf dieser Basis legt Sam Carter das bisher variantenreichste Bouquet seines Gesanges dar. Die Vocals sind immer genau richtig gewählt und harmonieren perfekt sowohl mit den Instrumenten, als auch mit den Lyrics. Diese befassen sich vor allem am Anfang als auch gegen Ende des Album sehr philosophisch und teils schon spirituell mit der allgemeinen als auch mit der eigenen Endlichkeit des Seins. In der Mitte des Albums wird sich dann eher auf metaphorische Art mit Gesellschaft und dem Untergang der Menschheit beschäftigt. Auffallend ist, dass noch mehr, als auf den anderen Alben christlich-fatalistische Motive und die Metapher des Wassers eine große Rolle spielen.

„We suffer to survive / Are we desperate creatures crawling in the dirt? Or are we lonely preachers Hiding our beating hearts?“ („Damnation“).

Architects haben mit ihrem neusten Werk einen weiteren Meilenstein des Metalcores und ihres Schaffens errichtet. Doch leider ist es aufgrund der angesprochen Mängel kein Meisterwerk. Beim ersten Hören klingt das Album in seinr Gesamtheit sehr gleich. Beim letzten Album sind mache Songs sehr deutlich hervorgetreten und auf „Lost Forver // Lost Together“ schaffte man noch eingängigere Songs. Doch all dies ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Architects ist ein Werk der harten Musik gelungen, welches bei jedem Hören immer mehr an Tiefe gewinnt und den Hörer in eine existenzielle Stimmung versetzt.

(7/8) Aaron-Corin Hane

Autor Joshua Claaßen
Wohnort Goch
Beruf Schüler
Dabei seit Oktober 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben Ständig im Wandel, zu meinen Favoriten gehören aber auf jeden Fall: Stick To Your Guns - Diamond, Being As An Ocean - How We Both Wondrously Perish / Dear G-d, The Ghost Inside - Get What You Give, The Amity Affliction - Let The Ocean Take Me
Die besten Konzerterlebnisse Kann ich mich nicht festlegen, Stick To Your Guns und Being As An Ocean sind live aber immer ein absolutes Highlight!

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