Birds In Row – We Already Lost The World

Label Deathwish
Musikrichtung Hardcore, Punk
Redaktion
Lesermeinung
7

Birds In Row hatten noch nie viel für diese Welt übrig. Auf ihrem neuen Album „We Already Lost The World“ begraben sie jetzt auch die letzten Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Zuvor bitten sie aber noch um einen letzten Tanz.

„Now is the time to listen. To silence all the numbers, finally. To resurrect the names. And dignify the pain. Finally.“

Ein Album in sechs Jahren lässt die Franzosen nicht gerade wie Workaholics dastehen. Nach dem hoch gelobten „You, Me & The Violence“ 2012 kamen zwar noch hie und da mal eine EP oder eine Split, für ein ganzes Album hat es allerdings nicht mehr gereicht. Vielleicht musste auch erstmal Gras über den Hype wachsen. Denn das Trio aus Laval hat kein großes Interesse an den Rummel um ihre Personen. Auf Promofotos werden die Gesichter abgeschnitten, Interviews liest man eher selten und von den Namen der Mitglieder sind nur die Initialen bekannt. Sie wollen keinen Personenkult, sondern mit einer Stimme sprechen. Als eine Einheit wahrgenommen werden. Mehr braucht es von „T.“, „Q.“ und „B.“ nicht, außer natürlich ihre Musik – und die hat es in sich.

„Nothing is sacred. Nothing but the hands that protect. And i protect you. And you protect me.“

Den unbändigen, auflehnenden Punk des Debüts schrauben die Franzosen etwas herunter. Birds In Row lassen ihren Songs mehr Zeit zum Atmen, mehr Raum um sich zu entfalten. Brechen enge Strukturen auf, lassen zwischen Verzweiflung und Wut auch mal cleanen Gesang zu und spielen mit ihrer Unberechenbarkeit. Wie dem Cut nach „Remember Us Better Than We Are“, nach dem das Album scheinbar zu enden scheint, nur um mit „I don’t dance“ dann erst richtig Fahrt aufzunehmen. Denn obwohl sie die schnodderigen, peitschenden Momente reduziert haben, liegt den Songs immer wieder eine unheimliche Dynamik inne, als würde einem der Gehörnte in die Glieder fahren. Ein Sound der so voranprescht als wären statt einem Trio eine ganze Horde Berseker auf einem Raubzug durchs Land.

„It makes me sick but I can’t remember the way I got here. Born in freedom, raised in love, grown an adult. Perishable hopes keep the vultures fat. And the one thing I know, they won’t give them back.“

Aber über all den mitreißenden Riffs und den aufputschenden Schlagzeugrhythmen tronen auf „We Already Lost The World“ die Texte. Dieses Zitatfeuerwerk. Diese Ideen, die auf Hauswänden stehen könnten, damit sie ja jeder lesen und vor allem darüber nachsinnen kann. Die Trauer, die Wut, die Verzweiflung, die aus jeder Zeile spricht. Das Leben, die Liebe, der Tod, die hinter jedem klugen Satz warten. Jeder Satz, der dieses Album zu einem Stück Musik macht, das nicht nur gehört, sondern auch gefühlt und gelebt werden will. Man möchte schreien, um sich schlagen, sich wehklagend in den Armen liegen oder einfach im Stillen weinen – und das alles auf einmal. Hauptsache wir sind in diesem einen Moment zusammen, in diesem Moment, in dem alles enden könnte – und doch noch gut ausgehen kann.

„I’m just sick of them all. And we can be more. We can be more, I know.“

Birds In Row spielen mit Gefühlen wie Puppenspieler Strippen ziehen. Aber sie nutzen diese Macht nicht aus, sondern transportieren nur das, was sie selbst in den Momenten gefühlt haben müssen, als sie diese Lieder schrieben. Wenn Birds In Row deshalb so lange für dieses neue Album gebraucht haben, möchte man ihnen nochmal so viel Zeit für das nächste gönnen. Um das hier zu verdauen, werden wir ohnehin erstmal eine Zeit lang brauchen.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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