Blackout Problems – KAOS

Album KAOS
Musikrichtung Indie, Alternative
Redaktion
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Der Weg zu ihrem Debütalbum „Holy“ war lang und steinig; die Blackout Problems mussten sich von Beginn an durchkämpfen und immer wieder sich selbst und vor allem andere von sich überzeugen. Verträge standen kurz vor dem Abschluss, kamen dann allerdings doch nicht zustande. Songs mussten komplett überarbeitet und neu arrangiert werden. Die jungen Männer aus München haben sich in einsamen Gegenden nahezu verschanzt, um in Ruhe an ihren Songs arbeiten – und es hat sich ausgezahlt. 2016 ist „Holy“ wie eine Bombe eingeschlagen; mächtig und energiegeladen, poppig und intensiv, alles in einem. Der Sound war rund und hatte dennoch seine Ecken und Kanten „KAOS“ sagt nun, Pustekuchen. Das war nur die Vorstufe.

Schon vor einigen Monaten ließ „Off/On“ vermuten, wie viel sich im „Blackies“-Lager seit „Holy“ getan hat. Die Musik immer noch druck- und wirkungsvoll, dennoch irgendwie anders. Moderner vielleicht, ein stärkerer Indie-Einfluss. Die Single wurde nun zwar kein Teil von „KAOS“, war allerdings ein passender Vorab-Eindruck. Das Quartett ist in dem Sinne etwas ruhiger und zurückgenommener geworden, dass es kaum noch Punkrock-Anleihen gibt. Dafür geht es nicht selten in eine elektronische Richtung. Die Stimme von Mario Radetzky wurde technisch nachbereitet, überlagert von Hall und Verzerrern. Ist eigentlich nicht nötig, passt aber unbestreitbar gut zur Musik. Und ein Konzept scheint es außerdem zu geben – welches man allerdings nur entdeckt, wenn man „Holy“ noch im Ohr hat.

Der Grund dafür ist Opener „How Are You Doing“, der ohne Schwierigkeiten auch zum Debütalbum gehören könnte. Flottes Tempo, klarer Sound, genau so hatte man die Blackout Problems in Erinnerung. Doch noch mitten im Song werden die Veränderungen immer klarer; langsam zwar, aber dennoch hörbar. Der Übergang zu Titeltrack „Kaos“ kommt dennoch extrem und unerwartet; fast, als würde plötzlich eine andere Band spielen. Alternative in Kombination mit Indie-Pop ist angesagt; das Tempo gedrosselt und alles sehr modern und edgy. Bei „911“ geht es wieder flotter voran und bei „Difference“ wird es obendrein noch klarer – deutlicher Pop tritt an die Stelle des Elektronischen. Diesen Song hätten auch Smile And Burn für „Get Better Get Worse“ schreiben können.

So unterschiedlich die ersten drei Songs auf „KAOS“ sind, so ist es auch das gesamte Album an sich, wenn man nur aufmerksam genug hinhört. Zum einen wären da Songs wie „Limit“ und „Kontrol“ mit klaren, simplen Beats, wo alles eine Linie fährt und dann wieder „Sheep In The Dark“, wo die Band das genaue Gegenteil zu machen scheint. Das frickelige Drumming steht dort in einem so starken Kontrast zu den langgezogenen Silben und den Gesangsmelodien im Allgemeinen, dass man unwillkürlich nervös wird. „Gutterfriends“ knackt beinahe die Fünfminutenmarke und lebt von seiner Entwicklung. Von Anfang an poppig, catchy und schlichtweg tanzbar, wird der Song aber mit der Zeit immer mächtiger und intensiver. Diese unterschiedlichen Charaktere machen auch „Queen“ so interessant, den stärksten Song auf „KAOS“. Die Strophen eher ruhig, der Refrain dagegen laut und auf Songlänge so groß wie es „One“ und „Of Us“ auf „Holy“ schon waren.

Genau diese Größe lassen die Balladen „Holly“ und „Charles“ noch ruhiger wirken und gerade letzterer lässt erneut ein Konzept vermuten. Denn so minimalistisch es mit Stimme und Klavier beginnt, umso kratziger wird es im letzten Viertel. Gitarrengeschrebbel und ein Chor kommen hinzu, der immer wieder „I’m coming home“ wiederholt. Alles baut sich auf, das große, spektakuläre Finale ist mit bloßen Händen beinahe greifbar – doch dann: Schluss. Stille. Der musikgewordene Cliffhanger. So sehr sich die Blackout Problems in den vergangenen Monaten und Jahren auch verändert und entwickelt haben, das Gespür für große Wirkungen und die kleinen Momente, die alles ausmachen können, haben sie sich beibehalten.

„KAOS“ ist anders als alles, was die Band bislang abgeliefert hat, und vor allem mehr, als man nach nur zwei Jahren vermutet hätte. Es ist keine 180 Grad-Wende, aber durchaus eine scharfe 90 Grad-Kurve, die sie eingeschlagen haben, und dabei gewiss nicht so einfach zu verdauen, wie seine Vorgänger.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
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