Bloc Party – Hymns

Album Hymns
Band Bloc Party
Label PIAS
Musikrichtung Indie, Pop
Redaktion
Lesermeinung
2

Kele Okereke kann ein ziemlich anstrengender Gesprächspartner sein. Das liegt zunächst einmal daran, dass der 34-jährige notorisch schüchtern ist. Seine Sätze tapsen zaghaft voran, als habe er Angst, sie könnten tatsächlich gehört werden. Wort für Wort wohlüberlegt, bedächtig und scheu. Dass der Herr zudem mit jedwedem Starkult auf Kriegsfuß steht und ein mindestens gespaltenes Verhältnis zu den Medien hat, macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil.

Denn so machte im September 2011 plötzlich das Gerücht die Runde, Bloc Party seien auf dem besten Weg zur Reunion, allerdings ohne Kele Okereke. Eine Ente, lanciert von – genau – Kele Okereke höchstpersönlich. Er habe seine drei Kollegen zufällig am ehemaligen Proberaum der Band erwischt und habe keine Ahnung, was da vor sich gehe, erzählte er damals NME. Sie hätten eine Weile nichts voneinander gehört, aber jetzt habe er doch ein wenig Angst, klammheimlich gefeuert worden zu sein. Das Musikmagazin machte den angeblichen Putsch groß. Die Fangemeinde reagierte panisch – und Okereke lachte sich ins Fäustchen. Tatsächlich schrieb er damals nämlich längst mit seinen Kollegen am Comeback-Album „Four“.

Mittlerweile sind solche Lausbubenstreiche Geschichte. Heute muss Okereke Scherben zusammenkehren. Schon Mitte 2013 war der Reunion-Geist wieder verflogen und die nächste Schaffenspause angekündigt. Drummer Matt Tong hatte sogar noch während der Festival-Tour das Weite gesucht. Bassist Gordon Moakes ging offiziell Anfang 2015. Der scheingefeuerte Okereke aber ist immer noch da – und mächtiger denn je. Bloc Party gehört jetzt ihm. Endlich, denn hinter Okerekes sanfter Rehkitz-Fassade verbarg sich schon lange ein Ego so groß wie seine Schultern breit.

2013 sei die Stimmung einfach nur noch mies gewesen, erzählte er jüngst dem britischen Boulevard-Berseker Sun. Aber als sie sich dann von ihrem Drummer getrennt hatten, sei es plötzlich viel angenehmer geworden. So liest sich ein flauschig formulierter Nichtangriffspakt. Für eine groß angelegte Schlammschlacht ist Okereke zu klug – und wohl auch zu höflich. Doch eine brachiale Breitseite kann er sich nicht verkneifen: „Russell und ich sind Bloc Party. So ist es schon immer gewesen.“ Wie auch immer nun die alte Arbeitsteilung ausgesehen haben mag, diese Diagnose ist ein fataler Irrtum – und „Hymns“ der traurige Beweis.

“Rock’n’roll has got so old – just give me neo-soul”
Eigentlich hatte Kele Okereke dem Indie-Rock ja schon 2009 abgeschworen. Das dritte Bloc Party-Album „Intimacy“ war ganz nach seinem Geschmack ein buntes Beat-Chaos geworden. Kurz darauf läutete er seine eigene Elektro-Karriere ein. Dass „Four“ Bloc Party dann ausgerechnet mit bisweilen breitbeinigem Gitarren-Rock wiederbelebte, mutete damals durchaus seltsam an. Heute passt es ins Bild: „Four“ war das einzig echte Comeback dieser Band. Das hier ist Kele Okerekes leidlich erfolgreiches Soloprojekt unter prominenter falscher Flagge. All das, was Bloc Party einst zu einer Ausnahmeband im überfüllten Indie-Meer gemacht hat, ist passé: Raffinierter Witz, rassige Arrangements, brillant-bissige Texte – Geschichte. Stattdessen ergeht sich König Kele und sein treuer Kompagnon Russel Lissack in schwachbrüstigem Eindös-Elektro-Pop mit schaler Romantik.

„The Good News“ fungiert da als die sanft-rockige Schablone: Schlapper 08-15-Pop-Rock, ohne Spannung, ohne Überraschung – völlig beliebig. Bloc Party stand einmal für Avantgarde. Heute ist es nur noch Okerekes Stimme, die verhindert, dass solche Songs mit irgendwelchen namenlosen Radio-Rockern verwechselt werden. In den Ohren des kongenialen Duos und Neu-Bassist Justin Harris klang das allerdings offenbar prächtig. Zumindest haben sie nach eben diesem Schema die Banalität mit „Into The Earth“ gleich noch auf die Spitze getrieben. Immerhin gelingt in „The Love Within“ mit Lissacks Spielereien und einem stumpfen Beat aus Okerekes Resterampe ein halbwegs ansehnlicher Refrain: „Let your eyes meet this world, the love within is moving upwardsSo don’t you want to get high?” Mit den bestechend-brillanten Texten aus “A Weekend In A City”-Zeiten hat das freilich nichts mehr zu tun. Könnte durchaus an Okerekes neuer, erlesener Inspirationsquelle liegen: „I used to find my answers in the gospels of St John, now I find it at the bottom of this shot glas“

Die traurigste Seite an „Hymns“ ist jedoch das Schicksal Russell Lissacks. Ein Lautsprecher ist der Mann mit dem Manga-inspirierten Seitenscheitel noch nie gewesen, wohl aber ein begnadeter Gitarren-Virtuose. Für die okereksche Ödnisshow wurde er nun zum Effekt-Bastler im Hintergrund degradiert. Einzig in „Virtue“ darf er ein paar halbwegs interessante Riffs spielen. Die übrigen spärlichen Lichtblicke sind allesamt Überbleibsel aus Keles Elektro-Alleingang: Der unterschwellig-tanzbaren Vibe von „Only He Can Heal Me” etwa oder das sphärisch-dahinschwebende “Different Drugs”. Auch das sehnsüchtig-wabernde „Living Lux“, mit Okereke in seiner Paraderolle als ewiger Romantiker, hat einen gewissen Charme. Das alles ist freilich bitter nötig, um die letzte Spielwiese von „Hymns“ – pseudotiefsinniger Ambient-Elektro-Pop (z.B. „My True Name“ oder „Fortress“) – halbwegs zu kaschieren.

Bloc Party wären heute Geschichte, hätten Matt Tong und Gordon Moakes die Band nicht verlassen. Das sagt Kele Okereke. „Hymns“ sagt: Bloc Party sind Geschichte.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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