Bon Iver – 22, A Million

Band Bon Iver
Label Jagjaguwar
Musikrichtung Indie, Alternative, Pop
Redaktion
Lesermeinung
6

Der Schmerzensmann vom Dienst hat sein Gesicht verloren. Ganz und gar freiwillig ist das geschehen. Justin Vernon hat einfach keine Lust mehr auf das ganze Promogehasche. Also gibt’s diesmal nur noch Fotos, mit ein bisschen Vernon drauf. Das nächste Mal lasse er es vielleicht ganz sein, sagte der Umworbene dem „Guardian“. Allzu viele Interviews solle es auch nicht geben. Das passt freilich alles ins Bild: Justin Vernon hat zwei Grammys eingeheimst, mit dem Eaux Claires ein Mekka für die Indie-Szene ins Leben gerufen und nebenbei mit einem gewissen Kanye West herumgetüftelt – ein Mann der Öffentlichkeit war er trotzdem nie. Und spätestens der Trubel um sein zweites Werk hat ihm damals offensichtlich den Rest gegeben.

Ergo legte er vor gut vier Jahren Bon Iver auf Eis. An ein drittes Album dachte lange Zeit niemand. Wohl auch Vernon nicht, denn der Selbstfindungstrip nach Europa verkam in einer wahren Odyssee, mit Seele baumeln lassen war es nicht weit her. Stattdessen zog er von Panikattacken geplagt von Hotel zu Hotel, jedem Ort nach kurzer Zeit überdrüssig. Zurück in der Heimat begab er sich in Behandlung: Depressionen. „22, A Million“ zeugt von genau dieser Zeit, einer Zeit des Verlorenseins.

Bis jetzt war Vernon immer nur der heillose Romantiker. Es schien die Rolle seines Lebens zu sein. Auf zwei Alben vertonte er bittersüße Wehmut und die schier unstillbare Sehnsucht nach Geborgenheit mit einer sakralen Erhabenheit, die vergeblich ihres gleichen suchte. Mit 26 noch arbeitslos und pleite, alsbald durch „Skinny Love“ weltbekannt. Vernon verkörpert den musikalischen American Dream. Für die Feuilletons der Welt musste er gar als Prototyp des „neuen Mannes“ herhalten – hochsensibel, hoffnungslos romantisch und all dies ganz ohne rot zu werden. Dass ausgerechnet manch ein Feingeist im übereilten Prass auf so viel Gefühl quasi eine Lobeshymne auf das Machotum verfasste, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Auch mit diesen (freilich äußerst amüsanten) Nebensächlichkeiten ist es allerdings nun vorbei.

Der Justin Vernon aus 2016 kennt kaum herrlich-idyllische Melodien mehr. „22, A Million“ ist ein vertontes Gefühlschaos – mit Fokus auf Chaos. Normen und Regeln sind sowieso von gestern. Im Gespräch mit dem „Guardian“ gesteht Vernon, er habe Angst vor seiner eigenen Courage gehabt, ob er seine hehren Pläne für die Platte umsetzen könne – die Angst hat er ganz offensichtlich überwunden.

„It might be over soon“
Diese Zeile soll ihm in irgendeinem der zahllosen Hotels während der Hast durch Europa zugeflogen sein. Dass die Platte nun mit just diesen simplen Worten beginnt, ist mehr als ein Fingerzeig: Die Zeit des Leidens, sie ist endgültig vorbei! Und so klingt 22 (OVER S∞∞N) auch, wie ein weiterer Song für einen Zach Braff-Film. Friedlich, milde-elektronisch pulsierend – und irgendwo darüber Vernons Stimme, mehr Maschine als Mensch. Die Maschine ist es auch, die auf „22, A Million“ das Zepter in der Hand hält. Alles wird durch den Äther gejagt, verkünstelt, verstellt, alles nach dem Willen des allmächtigen Designers im Hintergrund. „22, A Million“ ist mehr denn je ein durchdesigntes, chirurgisch präzise zerlegtes Produkt. Akustikgitarre und Eremitenjahre in der einsamen Waldhütte sind gefühlt seit Jahrzehnten verblasst.

Statt ihrer rumpelt nun ein unwirsch-beatgetriebenes „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“ durchs Bild. Dominiert von heillos verzerrten Drums, wabernden Synthie-Fetzen und Vernons engelsklarer Stimme, die angestachelt von schrillen Fanfaren durch das technisch-kalte Dickicht tönt. Ein Romantiker ist freilich auch der Vernon ex Machina noch – und ein brillanter Texter sowieso. Das beweist nicht nur „715 – CRΣΣKS” („Goddamn turn around, you’re my A-Team“). Vergangen ist aber die schier erdrückende Intimität der frühen Jahre. Was mit den Promofotos begann, führt der 35-Jährige auf Platte fort: Das hier ist der Künstler Vernon – Bon Iver – und natürlich, dahinter steht der Mensch. Doch was der durch den Künstler verrät, verbleibt im Verborgenen. Keine Grüße an Emma mehr also.

Bisweilen treibt die unbedingte Lust an der Avantgarde allerdings zu bunte Blüten (und das nicht bloß bei den Songnamen): „____45_____“ etwa hat ja mit seiner Läuterungsstory durchaus Charme („I been caught in a fire, I stayed down the other night“), das wirre Saxophon-Solo aber hätte bei der Open-Jazz-Night bleiben dürfen. Warum obendrein “21 M♢♢N WATER” in einem Walgesang-artgien Gefiepse enden musste, dürfte wohl auch Mr Vernons Geheimnis bleiben. Eines von vielen. Vielleicht soll es aber auch bloß den Übergang zu einem „8 (circle)“ möglichst rumplig daherkommen lassen. Denn wie es sich für ein Album der Extreme gehört, gelingt Vernon hier mit einer selig-milden Schwelgerei ein ganz und gar herrlicher Gegensatz zu den Irrungen, Wirrungen und Samplings, die „22, A Million“ durchläuft.

Und alle Experimente in Ehren: Genau hier ist er am besten, weil nur hier all die Emotionen zünden, die dieser Kanadier vertont wie kein Zweiter. Raffinierter kann Pop mit Sinn, Verstand und einer Überdosis Gefühl 2016 nicht klingen. Das beweist auch „00000 Million“ oder das famose „666 ʇ“, was noch am ehesten nach Album Nummer zwei klingt – nur mit mehr Sturm und Drang. All der Ballast der letzten Jahre will ja auch irgendwie auf knapp 34 Minuten gepresst werden.

Diese Mammutaufgabe hat er gemeistert, mit einer wahren Heeresschar an Gastmusikern. Jeder Ton wollte ja sorgsam kuratiert sein auf ambitioniertem Pop-Kunstwerk. Einen Haken hat „22, A Million“ aber natürlich. Die ungeliebte Aufmerksamkeit dürfte Vernon gewiss sein. Nach dieser Rückkehr mehr denn je. Immerhin liegt der Exit-Plan schon in der Schublade: Ein beschauliches Frühstücksbistro aufmachen, irgendwo in der Pampa, ab und an ein paar Shows darin buchen, ja, das klinge wie ein Traum für ihn. Für jetzt aber scheint er glücklich im Hier und Jetzt. Auch ganz ohne Gesicht – oder vor allem deshalb.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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