Brand New – Science Fiction

Band Brand New
Musikrichtung Alternative, Emo
Redaktion
Lesermeinung
7

They „gonna stay eighteen forever“: Brand New, wie immer ziemlich eigen, kündigen bereits 2016 in Text-Booklets und auf T-Shirts ihre Auflösung für 2018 an. Damit erfüllen sie, was sie auf dem Debüt 2001 „Your Favorite Weapon“ versprochen hatten: „Lass uns für immer 18 bleiben, dann leben wir für immer“ (aus dem Melo-Emo-Gassenhauer „Soco Amaretto Lime“). Unsterblich hat sich das Quartett aus New Jersey seitdem sicherlich gemacht. So wie manche Ereignisse in der persönlichen Geshichte gibt es Bands, mit denen eine grundsätzliche Veränderung eintritt. Es gibt nur noch Pre- und Post-, vor und nach, BC und AD. Brand New sind so eine Band für mich, sind sie für viele. Ich kann noch nicht mal genau sagen, warum. Ich weiss nur, dass es anderen genauso zu gehen scheint – meine Faszination spiegelt sich im eifrigen Nicken und den geweiteten Augen von Gleichgesinnten. Über die Jahre haben sich Brand New eine ähnlich einmalige Position (und da einmalig, doch ganz anders) wie zum Beispiel Radiohead erspielt – ein eigener Kosmos für Eingeweihte weltweit.

„When I grow up, I wanna be a heretic. I wanna put my hands to work ‚till the work’s done. I wanna open up my heart like the ocean.“

„Science Fiction“ ist – wenn wir mal davon ausgehen, dass Brand New es ernst meinen mit ihrer eigenen Beerdigung – eine würdige Implosion dieses Kosmos. Bereits der Opener ist, ganz in der Tradition der Vorgänger, absolut einnehmend: „Lit Me Up“ zieht den Hörer langsam, aber bestimmt, in Jesse Lacey’s zerrissenes Innere – die Kräfte und Gegensätze von Schicksal, Religion, Identität, und Leben und Tod, über die er seit jeher sinniert (natürlich lautet die Band-Adresse „fightoffyourdemons.com“). Ein leicht verstörender Interview-Mitschnitt mit einer verstörten Therapie-Patientin geht über in ein fast Ambient-mäßiges Arrangement mit hypnotisierender Bassline, gedoppelter Stimme und schaurigem Text. „So lit me up like a torch in a pitch-black night … I’ll burn from the inside out, I’ll be burn like a witch in a Puritan town.“

Die okkulten Anspielungen, religiösen Motive und zweifelhafte psychologische Diagnosen bleiben, auch durch die Einspieler zwischen den Songs, präsent. „Science Fiction“ klingt zeitweise nach den Aussagen und Predigten von alternativen Kirchen oder Aussteiger-Sekten, die für ihre Gemeinschaft mit einer meist abenteuerlichen Mixtur aus Bibelstellen, Verschwörungstheorien und Pseudo-Wissenschaften ein vermeintlich unerschütterliches Weltbild basteln – eine mit „Science“ zusammen gehaltene „Fiction“ quasi. Über den erst einmal recht willkürlichen Albumtitel lässt sich genauso spekulieren wie über den scheinbar unspektakulären Schnappschuss auf dem Cover, der mit jedem Hinsehen seltsamer wird. Diese übergreifende Stimmung reibt und fügt sich in verwirrendem Wechselspiel mit Jesse Laceys zuerst sehr persönlich scheinenden Texten – sie bleiben persönlich, aber für welche Person? Sie bleiben intim, aber ist es echte Intimität oder nur Imitation? Es ist nicht das erste Album, auf dem Lacey in manchen Momenten gleichzeitig für sich und dann doch für jemand ganz anderen zu sprechen scheint.

„Can you speak the words that make the hidden door open? Can you speak my secret name and fix me?“ 

Ihr zweites Album haben Brand New 2003 noch sarkastisch als „Deja entendu“ betitelt – „schon gehört“. Es spricht für die Band, dass Brand New 2017 vor allem sich selbst zitieren. „Can’t Get It Out“, eine lupenreine Emo-Hymne mit nöligem Refrain, wie auch „Same Logic/Teeth“, könnte ein unveröffentlichter Track von „Deja Entendu“ sein. Die ausladenden Gitarrensoli in „Out Of Mana“ oder das verträumte „Waste“ erinnern an Songs vom atmosphärischen „The Devil and God Are Raging Inside Me“. Mit staubtrockenen Riffs und durch Experimente wie Mundharmonika leicht überzeichnetem Southern-Flair lassen „In the Water“ oder „137“ wiederum das sperrige „Daisy“ durchklingen. Von diesem seit 2009 letzten Album schließlich kommt auch ein direktes Zitat. „And we sing this morning that grand old message… I don’t know about you but I never get tired of it…“, verkündet die Mitschnitt einer Predigt, damals vor „Daisy“ wie jetzt vor „Desert“.

„Batter up. It’s never going to stop. So give me your best shot.“

All die Querverweise und vor allem die brilliant detaillierte, vorsichtig anklingende bis stürmisch ausbrechende, Gitarrenarbeit von Lacey und Vincent Accardi lassen „Science Fiction“ mit jedem Durchlauf weiter wachsen. Was am Anfang etwas undurchdacht oder sprunghaft erscheint, fügt sich zu einem stimmigen Ganzen – 61 Minuten im Kosmos Brand New. Kaum etwas ist hier wirklich neu für die Band, aber gleichzeitig hört es sich nie alt an. Immer wieder verschiebt sich der Fokus, und plötzlich scheinen Perlen wie „Could Never Be Heaven“ oder „Batter Up“ im Verhältnis zum Gesamtkontext in neuem Licht. Brand New, unnahbar und schwer durchschaubar, tragen ihren eigenen Kosmos so stimmig zu Grabe, dass es eigentlich keiner Worte mehr von außen bedarf. Und dennoch überschlagen sich – mal wieder, und diese Rezension ist da keine Ausnahme – die Kritiken im Internet, übertreiben es bessessene Fans mit Rätselraten und Puzzle-Spielen, klingen alle Stimmen zu „Science Fiction“ lauter als die Band selbst, die sich wie immer recht bedeckt hält. Dafür, dass ihre eigenwillige Welt so eigenständig funktioniert, beeindrucken Brand New die Welt da draußen umso mehr.

Autor Enno Küker
Wohnort Köngen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Evergreens: Brand New - The Devil and God Raging...// Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - The Big Dirty // Limp Bizkit - Chocolate Starfish And...// Taking Back Sunday - Tell All Your Friends // Die Toten Hosen - Opium Fürs Volk // KIZ - Urlaub fürs Gehirn (Economy Version)
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