Brian Fallon – Painkillers

Album Painkillers
Musikrichtung Folk, Singer-Songwriter
Redaktion
Lesermeinung
4

Bloß kein Solo-Album! Brian Fallon hat sich wirklich lange gewehrt. Auch weil er einen angenehm-klaren Blick auf den grundsätzlichen Charakter solcher Ausflüge in seinem Metier hat. Die gerieten nämlich schnell zur peinlichen Lachnummer nach dem atemberaubend-spannenden Motto: more of the same. Der Band-Sound einmal fix recycelt und auf die natürlich bahnbrechende Schaffenskraft des Chefs gedreht. Amen. Nun grüßt hier trotzdem nur der schillernde Name des Gaslight Anthem-Frontmanns neben dem ambitionierten Bewerbungsfoto zum Working Class-Hero 2016. Weil ihn eine Freundin überredet hat.

Er solle doch aufhören sich mit immer neuen Gemeinschaftsprojekten selbst zu beschneiden und einfach machen. „Einer der besten Ratschläge, den ich jemals bekommen habe“, so der 36-jährige heute. Dass er sich nun faktisch zu sich selbst bekannt hat, ist trotzdem allenfalls ein Revolutiönchen.

Denn Brian allein zu Haus, das gab es an sich bereits und zwar 2009: „The Blues Mary“, „Italian Lightning“ – rau-melancholische Akustik-Songs, großes kleines Drama. Der 59-Sound-Fallon in Höchstform, klammheimlich hochgeladen auf seiner Myspace-Seite. Doch die verschwand so schnell und unbemerkt wie sie aufgetaucht war. Stillhalten war freilich noch nie die Sache des Brian Fallon. Selbst als die Gaslight Anthem-Maschine auf Hochtouren lief. Eine Runde Revival-Tour hier, ein kleines Solo-Set da. Fallon und seine Akustikgitarre waren immer auf Achse. Und natürlich gab es da die Nebenprojekte: The Horrible Crowes, mit der treuen Seele Ian Perkins und das lose Americana-Quartett Molly & The Zombies. Wer da aber jeweils Herr im Haus war, ist kein Geheimnis: der kleine Autonarr aus New Jersey.

Langweilig war ihm nie, tatsächlich bis zur Albumreife gebracht hatten es bislang aber nur die Horrible Crowes: „Elsie“, erschienen Ende 2011, war ein meisterhaftes Werk der Abgründe. Weit weg vom gerühmten Gaslight-Sound, mutig und widerspenstig. Bisweilen grüßte da sogar Tom Waits. „Painkillers“ nun ist nicht mutig. Auch nicht widerspenstig oder irgendwie anders. Es ist vor allem eins – verdammt kitschig.

“you say, my baby, all this time in between drives me crazy, I want a life on fire, going mad with desire, I don’t wanna survive, I want a wonderful life!”

Wer kann, wer will da schon Nein sagen? Lieber einhaken und mitsingen – oh du schöne heile Welt. „A Wonderful Life“ ist der euphorisch-aufgebrezelte Taktgeber für „Painkillers“. Markige Heartland-Rock-Melodien, ein simpel, aber stramm-stampfendes Schlagzeug. Fallon hatte immer schon ein brillantes Gespür für herrlich-pompöse Hooks und Refrains. Auch eine gewisse – und nie verhehlte – Bewunderung für das Schaffen einer Katy Perry oder Lady Gaga hegte er schon lange. Beides kombiniert ist „A Wonderful Life“ – einfach gestrickt, aber enorm wirksam. Über Springsteen-Vergleiche darf sich die Diva in Fallon ab jetzt allerdings nicht mehr aufregen. Der Titeltrack, „Among Other Foolish Things“ oder „Open All Night Long“ funktionieren ähnlich – nur ohne den ganz großen Aufschlag. Munter-melodischer Folk-Pop, mit Fallon in seiner Paraderolle als immer wieder enttäuschter ewiger Romantiker und einer Extraportion Nostalgie. Denn „Painkillers“ schraubt die Zeit zurück.

Verfallener Industrie-Glanz, herumtollende Kinder in der unberührten Natur, kein bedrohlicher Moloch weit und breit. Heillos verkitschtes Sehnsuchtskino auf eine Zeit, in der die Arbeiterklasse noch Helden hervorbrachte und Amerika noch großartig war. Fallon war schon immer förmlich besessen von diesem Retro-Charme – „The 59’ Sound“ lebte nicht zuletzt von eben diesem. Doch hatte er die immer-gleichen Abziehbilder spätestens zum einschneidenden „Get Hurt“ gestrichen.

Ja, manch harsche Reaktion auf den (gelungenen!) Stilwechsel mit „Get Hurt“ hätten ihn getroffen, gesteht er im Interview mit „Noisey“. „Painkillers“ klingt wie ein Versöhnungsangebot an eben jene Kritiker. Ein Album für alle, die nie mehr als immer neue 59′ Sound-Klone wollten.

Das macht „Painkillers“ keinesfalls schlecht. Dafür beherrscht Fallon die sichere Retro-Folk-Nummer viel zu gut – und Ohrwürmer schreibt der Jersey-Boy bekanntlich fast im Schlaf. „Nobody Wins“ etwa, der kleine Bruder von „A Wonderful Life“ mit weniger Pomp aber dafür noch mehr Pathos („Hey, hey little Tommy gun
I guess we’re never gonna end up the lucky ones, If I never see you again, have a round on me love, hallelujah, nobody wins“
) – oder das urige “Smoke” mit konsequenter Klatsch-Untermalung. Und irgendwo versteckt sich auf “Painkillers” zur Not immer noch ein Chor im Hintergrund. Den nervig-plärrenden Country-Unfall „Mojo Hand“ kann aber auch der nicht retten.

Mehr als Mid-Tempo-Geschunkel bringen das zackige – und tatsächlich immerhin sacht aufbrausende – „Rosemary“ und sein Konterpart „Honey Magnolia“. Zu erhaben-schlichter Schönheit schlüpft Fallon bei letzterem einmal mehr in die Rolle einer Frau („maybe I’ll the one you’ll never get over, the thorn in your pride, sweet honey magnolia“). Die heimlichen Stars auf “Painkillers” sind aber die Molly & The Zombies-Überbleibsel “Long Drives” und “Red Lights”. Allen voran „Red Lights“, mit seinem unwiderstehlich-großartigen Drive – und dem wackeren Romantiker einmal ganz & gar ohne Hang zur Nostalgie:

„so yes I will take those, whatever else they give me, if it stops the nightmares, it probably won’t kill me, and if I slow it down I’ll end up on one of my accusers knives, so I only stop to tell her that I love her at the red lights“

Fallon hat auf seine Freundin gehört. Auf Nummer sicher gegangen ist er dennoch. „Painkillers“ hätte vor vier Jahren wohl fast genau so geklungen. Geschrien nach einem echten Fallon-Solo-Album wurde ja ohnehin gefühlt seit 2006. Interessant ist dann aber doch noch etwas. Und zwar scheint Fallon die düsteren Zeiten, gegipfelt in seiner Scheidung, endgültig verdaut zu haben. Es wäre ihm zu wünschen. Und für die Rückkehr von The Gaslight Anthem kann’s dann ja heißen: zurück in die Zukunft.

„I lost most of myself pleasing everyone, I had to learn how to begin again, it’s alright, move on“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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