Casper – Lang lebe der Tod (Doppel-Review)

Band Casper
Musikrichtung Hip Hop, Pop, Indie
Redaktion
Lesermeinung
7

Als im vergangenen Jahr der Song “Lang lebe der Tod“ erschien, stieg bei den Casper-Fans die Vorfreude auf neues Material.  Doch dann ließ der Rapper sie ein Jahr lang warten. Zurecht?

Ja, denn sein fünftes Album “Lang lebe der Tod“ ist sein Meisterwerk. Und dass er sich dafür Zeit genommen hat, ist nach mehrmaligem Hören mehr als verständlich. In gewohnter Manier setzt sich Cas mit seinem Leben, der Gesellschaft und dieses Mal auch mit der Politik auseinander. “Alles ist erleuchtet“ wartet zum Beispiel mit einigen Seitenhieben in Richtung YouTube-Community und Social Media auf. In “Keine Angst“ versucht der Bielefelder mit Selbstzweifeln und Panik aufzuräumen, während er sich auf “Morgellon“ mit Ego-Trips und Verschwörungstheorien beschäftigt.

Musikalisch bietet er eine stimmige Mischung von typischen HipHop-Beats, aber auch Gitarrensounds und Schlagzeug – wie es der Hörer von den Vorgängeralben gewohnt ist. Lediglich auf “Sirenen“, das stark an Dizzee Rascals “Sirens“ erinnert, lässt Cas den Rapper so richtig raus. Besonders aber die sehr persönliche Ballade “Flackern, flimmern“ verleiht dem Album einen wunderbaren Abschluss und rührt sogar ein bisschen zu Tränen.

Insgesamt ist “Lang lebe der Tod“ ein sehr gelungenes Album, das auch allerlei Gäste wie Drangsal, Sizarr, Dagobert, Blixa Bargeld, Ahzumjot und Portugal.The Man bereithält. Eine super Mischung. Das Warten hat sich gelohnt.

– (7/8) Denise Frommeyer

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Es war kein einfaches Jahr für die Fans von Casper. Zuerst wurde das neue Album „Lang lebe der Tod“, danach die dazugehörige Tour verschoben und on-top gab es noch einen Auftritt bei der Abschiedsshow von Circus Halligalli, bei dem der Ausnahme-Rapper seinen Song „Sirenen“ vorgestellt hatte, der viele Fans ratlos zurück ließ. War das noch der Casper, der Alben wie „XOXO“ oder „Hinterland“ rausgebracht hatte? Von Begeisterungsstürmen bis Schmähungen einiger Fans musste Benjamin Griffey (wie Casper mit bürgerlichem Namen heißt) in den letzten Monaten ganz schön viel mitmachen. Seine Antwort darauf könnte klarer nicht sein: „Lang lebe der Tod“ ist seine Abrechnung mit der High Society, falschen Freunden und homophoben Rappern. Der ausgestreckte Mittelfinger eines Musikers, der nicht mehr anders konnte.

„Ich fühl mich wie ich fühl, weil ich nichts mehr fühl.“

Schluss mit Everybody’s Darling. Casper zeigt auf seinem neuen Werk klare Kante. Rappte er auf den vorhergehenden Alben vor allem über seine eigene Vergangenheit und alltägliche Ängste, die uns alle umtreiben, prescht „Lang lebe der Tod“ vor allem gegen seine Gegner nach vorne. Dabei ist es schwer einen roten Faden zu erkennen. Casper lässt sich auf seinem neuen Werk in keine Richtung drücken. Viel eher tritt er nach allen Seiten, die ihm Böses wollen. Verschafft sich Raum. Er will kein Heiland sein, keiner Szene angehören. „Abstand! Abstand! Ist mir wirklich viel zu nah dran,“ fordert er in „Lass sie gehen“.

„Selbst die Feinde meiner Feinde wollen mich am Boden sehen.“

Zwischen verstörendem Flexen („Sirenen“), aufhellenden Hoffnungsschimmern („Keine Angst“) und ungewöhnlich puristischen Songs („Meine Kündigung“) rappt sich Casper durch sein bisher wohl aufrüttelndstes Album. Nicht zuletzt auch, weil die Gastinterpreten den Songs immer wieder ganz eigene Noten geben. Wie beispielsweise Blixa Bargeld, der dem Titeltrack mit seinem Gastauftritt eine trockene Ernsthaftigkeit angedeihen lässt oder Drangsal, der mit seinem mitreisenden Gesang in „Keine Angst“ dem Song die Aufbruchstimmung verleiht, die das Lied zu einem der besten Casper-Songs überhaupt aufsteigen lässt.

„Bin und war kein Held den ihr braucht,“ löst sich Casper in „Meine Kündigung“ von allen Erwartungshaltungen – und immer wieder ist die Rede von Abschied. Und er war auch kurz davor, wie er in einem Interview unlängst zugab. So berichtet er in „Deborah“ ergreifend und schonungslos ehrlich von seinen Depressionen, die ihn im letzten Jahr im Griff hatten und dieses Album beinahe unmöglich gemacht hätten. Casper war nach eigenen Angaben am Ende. Wollte aufhören. Der Abschied war nahe. Auf „Lang lebe der Tod“ kommt der Abschied im letzten Song „Flackern, Flimmern“ mit einem lauten Knall, wenn der Song dem Finale entgegensteuert und den Hörer mit einem Instrumentalfeuer eindeckt. Ein großer Abschluss für ein großes Album, das zum Glück noch den Weg in die Welt gefunden hat.

Wäre es auch nicht wünschenswert, wäre es genau so wenig überraschend, wenn Casper nach „Lang lebe der Tod“ seinen Mikrofon auf dem Mikrofonständer stecken lassen würde. Keine Alben mehr, keinen Fame, nur noch Ruhe. Es ist alles gesagt. Benjamin Griffey wirkt auf seinem neuen Werk müde, resigniert und doch wieder voller Tatendrang. Ein ambivalentes Album eines einzigartigen Künstlers. Casper würde im Ruhestand zwar eine klaffende Lücke in der deutschen Musiklandschaft hinterlassen, den Meilenstein damit er nicht vergessen wird, hat er sich mit diesem sehr persönlichen Album aber gesetzt. Chapeau!

– (6/8) Andreas Steiner

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