Ceremony – Rohnert Park

Ceremony – Rohnert Park

Ceremony – Rohnert Park

Zu dem Zeitpunkt als „Sick“ als Vorläufer des neuen Ceremony Albums „Rohnert Park“ herauskam, konnte ich es kaum erwarten, den kompletten Longplayer zu hören. Allerdings nicht, weil ich restlos begeistert war – die Adverbien „gespannt“, „neugierig“ und vor allen Dingen „geschockt“ trafen damals weitaus besser auf mich zu. Die musikalische Veränderung der Band aus Rohnert Park in San Francisco war schließlich kaum zu übersehen: Der Weg führte weg vom Trash Hardcore und schlängelt sich hin zu Old School Hardcore Punk.
Dementsprechend finden sich auf „Rohnert Park“ eingängige Melodien, erstaunlich cleane Vocals und wahrscheinlich mehr Hitpotential als in der gesamten vorherigen Diskographie. Folglich hätte der Kontrast zum Vorgänger „Still Nothing Moves You“ nicht größer sein können. Ceremony wären allerdings nicht Ceremony, wenn sie auch von ihrer negativen Weltsicht Abschied genommen hätten. Im Opener „Into The Wayside / Sick“ folgt denn auch ganz wie gewohnt eine Hasstirade auf Old School Bands wie Black Flag und Coro-Mags, auf Leben und Tod, auf Politik, auf die Menschheit und ja, eigentlich auf alles (Sick of Black Flag / Sick of Cro-Mags / Sick of living / Sick of people dying […] So very tired of being sick / I’m sick). Der beste Beweis dafür, dass Ceremony noch immer genug zu meckern haben. Daraufhin geht’s punkig weiter. Bei „M.C.D.F“ findet man tatsächlich Gitarrenmusik zum Tanzen und so richtig zünden können dann später „The Doldrums (Friendly City)“ und „Open Head“. „Doldrums“ ist der mit Abstand ungewöhnlichste und auffälligste neue Song: Die Gitarren plätschern langsam dahin, die Vocals passen sich dem Schritttempo an und bekommen daher eine Intensität wie sie nie vorher zu finden war. Der Track wäre vielleicht ein guter Abschluss des Albums gewesen, so geht es aber munter mit „Open Head“ weiter, dessen Refrainzeile „Open my head, open head“ unfassbar schwer aus dem Kopf zu kriegen ist und mit Sicherheit ein Garant für Livestimmung sein wird. Wieso danach das Interlude „Into The Wayside II“ folgt, bleibt etwas unklar, teilt es das Album schließlich in zwei Teile, die sich kaum unterscheiden. Mit „Back In `84“ und „Night To Life“ werden allerdings zumindest Songs geboten, die den Ceremony Klassikern ähneln. Das über fünf Minuten lange „Into The Wayside“ schließt „Rohnert Park“ dann jedoch standesgemäß ab. Ich fühle mich fast an meine Grungehelden Nirvana zurück erinnert. Mit dem Unterschied, dass der Sound um einiges besser ist als in den 80ern.
Ingesamt gibt es kaum Alben, auf die der Begriff „Grower“ besser zutrifft als auf das neue Ceremony Werk. Denn nachdem man „Rohnert Park“ gefühlte 83275 Mal gehört hat, wird klar: Das Album ist Punk, es ist eine Hommage an vergangene Musikzeiten und vor allen Dingen zeigt es eine Weiterentwicklung, vor der man sich nicht so schnell verschließen sollte. Es muss nun mal nicht immer eine zweite „Violence, Violence“ sein.

Autor Ines Kirchner
Wohnort Berlin
Beruf Project Manager
Dabei seit Juli 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Akkreditierungen, Organisatorisches, Reviews
Top-Alben u.a. Gallows - Grey Britain, Bon Iver - Bon Iver, The National - Trouble Will Find Me, Touché Amoré - Parting the sea...
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Have Heart (2009, Köln), Gallows (2010, London), Basement (2012, London), Iron Chic, Ceremony, Trash Talk, Rise & Fall, Touché Amoré (divers)

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