Ceremony – Zoo

Album Zoo
Band Ceremony
Musikrichtung Punk
Redaktion
Lesermeinung
6

Breaking News: Ceremony haben mit The Clash geschlafen. Und als ob das noch nicht genug wäre, ist dabei ein unehelicher Bastard rumgekommen, der in konservativen (Hardcore-)Kreisen wohl kaum so akzeptiert werden wird.
„Sick of hardcore“ hieß es unter anderem im auf der letzten Scheibe „Rohnert Park“ erschienenen „Sick“ – und das unterstreichen Ceremony hier einmal ganz fett. Der Labelwechsel weg von Bridge 9 hin zum größeren Matador Records (z.B. Sonic Youth, Pavement, auch Fucked Up – erkennt man, wo der Hase läuft?) hat da sicherlich auch seinen Teil zu beigetragen. Man wollte also einen Tapetenwechsel – und haut einen solchen nun auf Platte raus. Dass so etwas nicht der Weltuntergang sein muss, haben zum Beispiel Blacklisted mit ihrer sehr experimentellen „No One Deserves To Be Here More Than Me“ bewiesen, auch oben genannte Fucked Up experimentieren ja gerne mal herum – aber natürlich kann das auch immer gewaltig in die Hose gehen.
Ceremony liefern hier einen Hybriden aus ihren eigenen Wurzeln, Indie-Rock und dem britischen Punk der 70er und 80er Jahre ab. Die Ecken und Kanten werden nicht komplett geschliffen, aber doch abgerundet zugunsten eines Gesamtwerkes, das überrascht. Nun haben Menschen unterschiedliche Arten mit solchen „Überraschungen“ umzugehen – und hier zeichnet sich das Problem von „Zoo“ ab. Die Shoutboxen des world wide web sind bereits voll mit Enttäuschungsbekundungen: Das wären ja nicht Ceremony, die Platte wäre langweilig und generell undbrauchbar, Scheiß Major Label, jaja! Wer hier nicht über den Tellerrand schaut, der lässt es lieber gleich bleiben.
Denn weniger impulsiv als seine Vorgänger, ist „Zoo“ vor allem Punk. Kurz angebunden und doch prägnant bleiben Melodien häufiger als bei den Vorgängern hängen, ohne dass dem Ganzen dabei aber seine Rotzigkeit abhanden kommt. Das ist immer noch keine leichte Kost,in seinem tiefsten Inneren auch immer noch Ceremony – und die sind immer noch ganz schön „sick“, auch wenn vielleicht ein bisschen am Wut-Regler geschraubt wurde. So ist „Zoo“ eher rational und kühl. „I can’t explain the state I’m in/It’s getting harder/It’s getting hard/To stay human/To stay being” analysiert man da beispielsweise in „Citizen”. Vor allem geht es um das Leben als Erwachsener („Adult”), um Anpassung, um Erwartungen – und um Zweifel. Zweifel, vor diesem unsäglichen Alltag entfliehen zu können, der Monotonie Einhalt zu gebieten und sich aurappeln zu können. Eine Persiflage auf moderne Gesellschaft, Vorstadtidylle und Gutbürgertum.
Das alles verpacken Ceremony anno 2012 in einem noisigen Punkrockalbum, dass seine Berechtigung zur Genüge zu unterstreichen weiß. Fragt sich jetzt nur, wie die Songs live rüberkommen, denn um die authentischen und energiegeladenen Live-Shows könnte es dann doch etwas schade werden – aber Ceremony ist auch diese Herkulesaufgabe mehr als zuzutrauen.
Letztlich ist der Spross dieses folgenschweren Seitensprungs vor allem eins: Erfrischend bis in die Haarspitzen. Die alten Beziehungen werden Ceremony diesen „Fehltritt“ aber vielleicht nie verzeihen.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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