Chelsea Wolfe – Hiss Spun

Album Hiss Spun
Musikrichtung Doom, Alternative, Folk
Redaktion
Lesermeinung
3

Du schlägst die Augen auf und befindest dich in einem düsteren Dickicht aus Nadelbäumen. Die schweren Äste blockieren den Weg und erschweren ein Vorankommen. Du weißt nicht, wo du bist, folgst nur dieser zarten Stimme, die einen Ausweg aus dieser unwirtlichen Welt verspricht. Willkommen auf „Hiss Spun“. Willkommen in der Welt von Chelsea Joy Wolfe.

Auf dem Nachfolger zu „Abyss“ lotet die gebürtige Kalifornierin den drückenden Sound des Vorgängers weiter aus – weshalb auch der Titel des in 2015 erschienenen Albums ganz gut gepasst hätte. Denn musikalische Abgründe (nicht der Qualität, dafür aber der persönlichen Wohlfühlzone) tun sich auch auf „Hiss Spun“ auf. Irgendwo zwischen der Genialität eines dynamischen Mechanical-Animal-Sounds (wie ihn Großmeister Marilyn Manson noch erzeugen konnte, als er sich noch durch seine Musik auszeichnete und nicht nur durch seine Eskapaden) und einer stark reduzierten Doom-Metal-Walze, taucht Chelsea Wolfe das Potpourri ihres musikalischen Schaffens in ein bitteres Bad aus eindringlichem Wehmut und makelloser Schönheit – und entfernt sich immer mehr von Folk-Klängen. Gepaart mit ihrer eingängigen, immer wie durch einen Schleier dringenden Stimme erschafft sie aus den düsteren Klangwelten einen ganz eigenen Kosmos, der dem Hörer zu Beginn nur schwer zugänglich ist. Wie ein Zaungast nähert man sich dem Wesen von „Hiss Spun“ nur allmählich an, nur um dadurch immer weiter in den Sog dieser bezaubernden Dame zu gelangen.

„I wanted to write some sort of escapist music, songs that were just about being in your body, and getting free.“

Irgendwie wollte sie der Flut an täglichen, bösen Nachrichten entgegenwirken, beenden, dass die Welt ständig nur weine – eine Situation, in der unsere Gesellschaft nach Chelsea Wolfes Auffassung bereits seit Monaten stecke. Um diesen Sound treffsicher zu kreieren, hat sie sich erneut mit Troy Van Leeuwen (Queens of the Stone Age) zusammengetan, der mit seinem markanten Gitarrenspiel den Sound auf „Hiss Spun“ entscheidend prägt. Gesangliche Unterstützung benötigte es nur bei „Vex“, dem der bärbeißige und ehemalige Isis-Sänger und -Gitarrist Aaron Turner eine rohe Bedrohlichkeit angedeihen ließ. Aber ein Gastauftritt macht noch kein furchteinflößendes Album: Produziert wurde „Hiss Spun“ vom Fachmann für krachende Statements Kurt Ballou in seinen GodCity Studio in Salem (Massachusetts). Herausgekommen ist ein gleichermaßen beängstigendes und verstörendes („Welt“) wie auch mitreißendes Album („16 Psyche“).

Ob Chelsea Wolfe auf ihrem sechsten Studioalbum der Menschheit einen Ausweg für die gegenwärtige Situation deuten kann, bleibt fraglich. Wahrscheinlich ist es nicht. Dafür begeistert ihre Musik und macht zumindest durch ihre düstere Kunst die Tage etwas heller. „Hiss Spun“ ist definitiv Stoff für die Top Ten der besten Alben 2017.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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