City Light Thief – Nothing Is Simple

Musikrichtung Post-Hardcore, Emo, Math-Rock
Redaktion
Lesermeinung
7

Eine Mischung aus Erfahrung und Naivität: Im Interview zur vor zweieinhalb Jahren erschienenen EP „Shame“ beschrieb Benjamin Mirtschin seine Band City Light Thief mit ebendiesen Worten. Sie seien auch nach all den Jahren noch immer ein bisschen chaotisch, aber dennoch stets absolut überzeugt von dem, was sie veröffentlichen – und das könne auch kein negativer Artikel ändern. So geht es jetzt auch weiter .

Gitarrenlagen, so vertrackt, durcheinander und detailreich, dass einem fast schwindelig wird. Es ist der Sound, wegen dem die Band seit jeher geschätzt wird. Umso erstaunlicher ist es, dass City Light Thief auch nach all den Jahren, Alben, EPs und Konzerten noch immer ihr Publikum völlig aus dem Konzept bringen und heillos überfordern können. Teilweise sind die Songs so kompliziert, dass man sich fragt, ob hier und dort nicht einige Spuren durcheinandergekommen sind. Hinzu kommt das anscheinend nicht existierende Konzept. Oftmals brechen die Songs auf, teilen sich, zeigen völlig neue Charakterzüge und bilden schlussendlich doch eine Einheit. Nicht leicht zu lesen, aber umso spannender. Musik wie ein russischer Gesellschaftsroman aus vergangenen Jahrhunderten. Tolstoi und Gogol würden vor Neid erblassen.

Auf Album-Länge zeigen sich City Light Thief allerdings nicht im Kostüm des Chaos-Ungetüms. Songs wie unter anderem „Fatigue“ wissen zu gegebenem Zeitpunkt Tempo wie auch Lautstärke herauszunehmen und als Kontrast den ruhigeren Klängen das Zepter zu überlassen. Upbeat-Track „Infinity Loop“ hat die Tanzfreude gleich mit im Gepäck, doch „No One, Nowhere“ ertönt wieder wie ein Schrei aus der Tiefe: Dunkel, kreischend und voller Dissonanzen. Schrecklich und gleichzeitig wunderschön. Nach dem kaum weniger lauten „Trickster“ dann Stille – oder zumindest fast. Denn obwohl „Communion“ noch immer gut voran geht und sich kaum weniger charakterstark zeigt, wird an dieser Stelle alles wieder eine Spur ruhiger. Weniger Geschrei, dafür mehr Atmosphäre: Wie City Light Thief es innerhalb der Songs nicht langweilig werden lassen, so versuchen sie es auch gar nicht mit der Tracklist. Das Album kennt schlicht keine Regeln, sondern fegt viel lieber ungezügelt durch die Lande, wie eine Naturgewalt, die sich von nichts aufhalten lässt. Wer entspannte Musik für den Feierabend sucht, wird hier garantiert nicht glücklich – und dabei war das bislang nur ein Teil des Ganzen. Denn was ist nun mit den Texten, die Frontmann Benjamin Mirtschin seit Jahren so wichtig sind? Gar nicht so einfach, sich auf diese zu konzentrieren, wenn doch die Musik so einnehmend daher kommt.

I foster, cherish and collect my sins. Forever imperfect. Always more and more and more. I will make it possible. When does it end? Where to begin? Say Yes to everything.” („Say Yes To Everything”)

Kurze, abgehackte Sätze und oftmals kein direkt ersichtlicher Zusammenhang – die Texte auf „Nothing Is Simple“ könnten genauso gut Passagen aus einem Tagebuch sein. Wild herausgepflückt und nach Themen sortiert. Sie beschreiben die dunklen, einsamen Gedanken von Menschen, die sich langsam aber sicher damit abfinden müssen, dass sie ihrer Jugend entwachsen sind. Keine Schule mehr, keine Uni, sondern feste Jobs, Familie und Kinder. Der Abschied von den Jugendtagen fällt nach all der Zeit merklich schwer. Umso besser fühlt es sich an, eine Nacht wie früher zu verbringen, ausgelassen zu feiern und das ein oder andere Bier zu viel zu trinken. Das willkommene Vergessen für einen kurzen Moment mit offenen Armen zu begrüßen („Death Trip“).

Gleichermaßen singen City Light Thief aber auch von Selbstakzeptanz („Body Horror“), versuchen dem Negativen einen Twist zu geben und andere wie auch sich selbst immer wieder zu ermahnen, sich nicht so schnell von Sachen unterkriegen zu lassen. Wieder aufzustehen, sich den Staub abzuklopfen und weiterzukämpfen, blaue Flecke und Prellungen hin oder her („Say Yes To Everything“), denn schließlich ist das worst case-Szenario noch immer, wenn man beginnt, alles und jedem nur noch mit abgestumpftem Blick zu begegnen. Wenn alles ganz plötzlich beginnt, egal zu sein: „The moment I stopped caring, everything went black. I lost all empathy. Furious, finally. The thrill, I felt, was genuine.” („No One, Nowhere”)

Jahrelang haben City Light Thief an neuen Songs geschrieben, gearbeitet und herumexperimentiert, Alben und EPs veröffentlicht und über zweihundert Konzerte gespielt – keine Frage, dass aus den Teenagern inzwischen junge Männer geworden sind, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Ebenso wenig zu leugnen ist die gesammelte Erfahrung, die in Kombination mit wirren Ideen hörbar in „Nothing Is Simple“ hineingeflossen ist. Das Sextett weiß, was es macht; es weiß zu überzeugen, zu verwirren und zu überraschen. City Light Thief sind erwachsen geworden – das Chaos ist aber zum Glück nicht verloren gegangen.

I’m not afraid – it’s just our youth that’s over.” („Torch Song”)

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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