City Light Thief – Shame

Album Shame
Musikrichtung Punk, Hardcore, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
6

Es ist kaum vorstellbar, aber momentan bestimmen nicht mehr die Foo Fighters und der Thron ihres Frontmannes die Schlagzeilen unzähliger Zeitungen und Headslider diverser Webzines. Die allgemeine Aufmerksamkeit hat sich wieder einem wichtigeren Thema zugewendet: der sogenannten Flüchtlingsproblematik.
Abertausende Menschen sehen sich gezwungen, ihre Heimat hinter sich zu lassen und Geliebtes und Vertrautes aufzugeben. Sie machen sich in eine Welt auf, bei der sie nicht im Entferntesten erahnen können, was sie erwartet. Dass die Reise dabei nicht einfach wird, ist klar. Risiken eingehen gehört zum Tagesgeschäft. Das größte Hindernis zu einem Leben in Freiheit und Frieden und ohne Angst stellen dabei jedoch nicht die streng bewachten Grenzen dar und wahrscheinlich auch nicht einmal die Asylanträge selber. Viel beängstigender ist wohl in den Gesichtern der „Einheimischen“ zu sehen, was diese von einem halten. Oder sich auf einmal in einer Unterbringung wiederzufinden, die von einem Teil ebendieser Gesellschaft attackiert und angezündet wird.
Dass das Thema seinen Weg in die Musik findet, war so nur eine Frage der Zeit. Auch in dem Song „Splitter von Granaten“ von Adam Angst geht es zum Beispiel unter anderem um brennende Asylbewerberheime, die Zeile „43 Anschläge und das in einem Jahr“ beinhaltet zwar keine aktuellen Zahlen, aber doch fängt sie noch immer die Problematik ein. Eine Problematik, für die sich die Majorität der Gesellschaft – glücklicherweise – schämt.

Zu diesem Teil gehören auch City Light Thief aus Grevenbroich, Köln und Much. Allerdings steigt der Band nicht nur deswegen die Schamesröte ins Gesicht – wie ihre neue EP „Shame“ nur allzu deutlich zeigt. 4 Songs tummeln sich dort auf 16 Minuten. Zeit genug also, um sich dem Thema der Scham einmal ausführlich zu widmen.

Im Opener „Plus + Plus“ geht es zum Beispiel darum, dass die verschiedenen Geschlechter auch heute noch unterschiedlich behandelt werden. City Light Thief haben erkannt, dass sie in einer Gesellschaft leben, die dieses Verhalten nicht unterbindet, sondern teilweise sogar unterstützt. Ein Sachverhalt, der der Band höchst unangenehm ist. „Wild Truth“ dagegen dreht sich um Frontmann und Sänger Benjamin Mirtschin himself. Mirtschin schreibt den größten Teil der Songs, ist ein wahrer Perfektionist und bei seinen Projekten demnach auch überaus kritisch. Beim Schreiben der EP litt er an etwas, das sich niemand wünscht, der seine Gedanken zu Papier bringt: einer Schreibblockade.
Er brachte es einfach nicht fertig, seinen Teil zu „Shame“ beizutragen – und schämte sich gegenüber der Band ob dieser Tatsache. Tobias Brings, Bassist, Sänger und (Co-)Schreiber der Band, fasste diese Geschichte in einem neuen Song zusammen und teilte seinem Freund und Bandkollegen obendrein mit, dass es nicht schlimm ist, sich von anderen helfen zu lassen. Die Single-/Videoauskopplung „Younger You“ thematisiert an dritter Stelle dann den Selbsthass, den man früher mal empfunden hat. Man blickt zurück auf das was war und versucht, seinem jüngeren Ich klarzumachen, dass alles eben doch nicht so ausweglos ist, wie es vielleicht gerade noch erscheint. Dazu passend, gibt „Quick Fix“, ein Song über die Scham wegen seiner eignen Unzulänglichkeiten – sei es wegen seiner Taten oder auch seines Aussehens –, den Closer und „Shame“ ist zuende.

Nur ein Thema wurde in vier Songs abgearbeitet. Dadurch, dass jedoch immer wieder andere Aspekte und Blickwinkel im Vordergrund stehen, ist der City Light Thief-Neuling aber keinesfalls langweilig – im Gegenteil. Da fällt es einem auch gleich leichter über die Tatsache hinwegzusehen, dass nach zwei Jahren Releasepause gerade einmal vier neue Songs das Licht der Welt erblickt haben.
Musikalisch kommt man nicht umhin, bei dem Sextett aus den Untiefen Nordrhein-Westfalens eine Veränderung zu bemerken. Ein roter Faden hat sich in ihre Songs eingeschlichen, es gibt weniger Überraschungen als bei früheren Stücken und die Instrumentalisierung lenkt nicht mehr so stark von den Texten ab. Ein Genre für die Stadtlichtdiebe zu benennen, ist aber noch immer ein Ding der Unmöglichkeit. Mal klingen sie nach Punkrock („Plus + Plus“), dann schon fast nach Indie („Younger You“), aber auch ihr ganz spezifischer Rock/Pop kommt immer wieder durch. Von den bekannten Hardcore-Elementen ganz zu schweigen.

Lyrisch ernst und wichtig, instrumentell absolut abwechslungsreich – anders kann man die vier neuen Songs in der Diskographie von City Light Thief nicht beschreiben. Wegen dieser EP muss niemandem die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
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Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

Kommentare

  1 kommentar

  1. rené

    super platte! könnten echt gern mehr song sein!!

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