Cold Reading – Sojourner

Album Sojourner
Label KROD Records
Musikrichtung Emo, Indie
Redaktion
Lesermeinung
6.875

Schon vor zwei Jahren haben die Schweizer mit ihrem Debütalbum ihr Gespür für tolles Songwriting mit starken Melodien und großen Emotionen unter Beweis gestellt. Zwei Jahre später folgt nun allerdings nicht etwa Album Nummer zwei, sondern „lediglich“ die EP „Sojourner“ – ein Werk über das Reisen und Weiterkommen. Nicht nur im geographischen Sinne, sondern auch im menschlichen.

Die jungen Männer aus Luzern verarbeiten in ihren vier neuen Songs persönliche Schwächen wie mangelndes Selbstbewusstsein, aber ebenso die Tatsache, dass man nicht selten dazu tendiert, die eigenen Fehler immer und immer wieder zu begehen („Books & Comfort“). Getrieben von Angst und Zweifel versuchen sie, ihren Platz in der Welt zu finden und zu lernen, sich selbst zu mögen („Scratches“) – lyrischer Ursprung darf da auch gerne mal ein sich wiederholender Traum von Texter und Sänger Michael Portmann sein. Ein Traum, in dem er endlose Strecken vor etwas wegrannte und dabei gar nicht wusste, was in trieb. Ihm war nur stets bewusst, dass es ein Ziel gab – welches er jedoch nie erreichte: „Is this the way to go? I try to remember what I used to know. But this voice keeps on whispering in my ear and tells me to run faster. My memories slowly fade away and I forget to remember” („Roads & Peril”).

Auf ihrer neuen EP „Sojourner“ haben Cold Reading aber freilich nicht nur düstere Themen in petto. Sie singen nicht bloß über Ängste und Schwächen, sondern vor allem auch darüber, sie zu überwinden und zu akzeptieren. Mit sich selbst ins Reine zu kommen und sich nicht mehr vor dem Scheitern zu fürchten. Positives Denken überwiegt an dieser Stelle zweifellos und besonders der Titeltrack vermittelt das wohlige Gefühl in bester Weise. Mit verträumten, ruhigen Melodien, die erst nach über dreieinhalb Minuten ihre volle Kraft entfalten, laden Cold Reading auf eine Reise an den Ort ein, wo man sich am wohlsten fühlt: Zuhause.

Aber ohnehin könnte die Musik auf „Sojourner“ kaum hoffnungsvoller sein. „Roads & Peril“ und „Scratches“ überzeugen vor allem durch ihre akzentuierten Melodien, die so warm klingen, dass sie eigentlich gar nicht zu den voller Zweifeln und Düsternis geprägten Texten passen. Sie sind der Kontrast, der in erster Linie zum Hinhören einlädt. Schaffen manch andere Bands nur durch ganz und gar übertriebenee Pop-Musik ihren Texten etwas Positives zu verleihen, gelingt Cold Reading dieses Handwerk glücklicherweise mit angenehmeren Mitteln – eines davon die Stimme von Michael Portmann, die zum größten Teil nur aus Sehnsucht zu bestehen scheint.

Nicht eine Zeile bleibt von großen Gefühlen verschont, nicht eine klingt, als sei sie nur so dahingeschrieben und nicht so gemeint. Ist Opener „Books & Comfort“ durch seine flotten Melodien und das unglaublich wirkungsvolle Songwriting ohnehin schon ein unverschämt großartiger Hit, will man, sobald Portmann zu singen beginnt, direkt selber auf eine Reise gehen. Irgendwas machen, wo man all sein Herzblut investieren kann, um seine Sehnsucht, sein Verlangen nach alles und nichts, endlich stillen zu können.

Bereits 2015 wusste das Schweizer Quartett mit seinem Debüt „Fractures & Fragments“ derart zu überzeugen, dass wohl nicht wenige bei der Ankündigung, die nächste Platte würde nur eine EP werden, enttäuscht waren. „Sojourner“ dürfte nun aber gegenteilige Gefühle auslösen.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
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Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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