Cold World – How The Gods Chill

Band Cold World
Musikrichtung Hardcore, Hip Hop
Redaktion
Lesermeinung
6

Was ein Comeback: Die Wegbereiter zahlreicher moderner Hardcore-Projekte melden sich nach sechs Jahren Ruhe zurück und zeigen, dass der Hype zum Großteil begründet war. Sie sind eine der wenigen Bands, die den risikoreichen Spagat zwischen Hardcore und Hip Hop meistern, statt, wie die meisten anderen, von nun an im Wörterbuch unter „Fremdscham“ aufgelistet zu werden. Von Will Yip (Blacklisted, Title Fight) und Arthur Rizk (War Hungry, Power Trip) aufgenommen, ist „How The Gods Chill“ definitiv eine der wichtigsten Platten des Jahres.

Eine selbstbewusst und liebevoll-ironisch gemeinte Danzig-Hommage im Albumtitel, Kollaborationen mit einflussreichen Hip Hop-Künstlern und ein frisch polierter Sound sind die Hauptmerkmale des lange erwarteten „How The Gods Chill“. Zugegeben, was Songarchitektur angeht, da sind Cold World immer noch eher ein Häkelclub als Daniel Düsentrieb. Beim Häkeln fängt man nach einem fertigen Deckchen auch wieder von vorne an, mit derselben Technik und demselben Material, und nach der Devise „das war schon immer so und hat funktioniert“ finden sich demnach keine nennenswerten strukturellen Überraschungen auf der Platte. Wer Cold World jedoch mal live erlebt hat, weiß, dass die Songs hervorragend funktionieren (Stichwort: Abriss) und die Band einfach für die Bühne gegründet wurde. Das Kopfnicken jedenfalls ist beim Hören unumgänglich, dessen bedarf es keiner filigranen Komplexitäten. Die knapp 27 Minuten Laufzeit sind zudem ideal für den Weg zur Arbeit oder Uni, da fängt der Tag gut an.

Um eine Innovation des schon erfundenen Rads geht es Cold World auch gar nicht. Vielmehr liegt der Band aus Pennsylvania Authentizität am Herzen. Die rohe Ehrlichkeit der Straße, welche sowohl Hardcore als auch Rap in sich tragen, spiegeln sich sowohl in der Komposition der 14 Titel wider, als auch (und besonders) in den Texten; sie kommen zweifellos von Herzen. Das melancholisch anmutende Intro mit der gesprochenen Begrüßung „It’s almost like we were never there, we were just trying to make our mark in the world“ mündet direkt in einen richtigen Knaller: „Blind“. Schnell und räudig, mit rotznäsigen Punk-Vocals und eingängigem Riff zusammengebraut. Genau so, wie man es gern hat. Und so geht es auch in „The Real Deal“ weiter. Schlagzeuger und Cold World-Songwriter Nick Woj verdingt sich in „Never Knows Best“ selbst am Mikro. Das ist etwas, von dem er einmal sagte, dass der Titel und sein sehr offensichtlich von Life Of Agony’s „Ugly“ inspirierter Sound auf diese Art am besten wirken könne. Vermutlich hatte er Recht.

Der erste wirkliche Hip Hop findet sich in „Cracks Of Hate“, in welchem sich Meyhem Lauren einschaltet und die zweite Hälfte des Titels abliefert. Vielfach als der beste Song auf „How The Gods Chill“ angesehen, wird „Never“ gewiss bald ob seines Hymnen-Charakters überall skandiert werden. Zwar ist das Tempo gemächlich und die Melodik nicht die ausgefallenste Wundertüte, doch sind Groove, Text und das abschließende Solo im Gesamteindruck stimmig. Die folgenden Titel sind eher unauffälliger Durchschnitt, bis Cold World dann in „Hell’s Direction“ zum großen Paukenschlag ausholen. Kein geringerer als der New Yorker Nathaniel Wilson alias Kool G Rap, den selbst Tupac und Biggie einst als Vorbild bezeichneten, unterstützt die Band hier. Seine Lines „straight vom Asphalt“ sind mit dem Sound der Band so organisch verwoben, als hätten beide Parteien nie etwas Anderes gemacht. Ein fulminanter Schluss für ein echtes Stück Originalität, einem Gut, das besonders im Hardcore rar geworden ist.

Cold World selbst sehen „How The Gods Chill“ als eine Art Mixtape an, das so viele scheinbar unvereinbare Einflüsse vereinbaren soll. Wo sonst wäre ein Kombinat aus Old-School-Hardcore als Genre, dazu Musiker von Blacklisted und Soul Search zusammen mit den genannten Rappern sowie dem legendären Sean Price denkbar? Es ist nicht nur das genre-übergreifende „Familien“-Denken, welches durch solche Joint-Ventures eine klassische Win-Win-Situation erzeugt. Auch ist „How The Gods Chill“ eine äußerst progressive Auslegung der besten Eigenschaften zweier Musikgenre, die handgemacht und aufrichtig die direkten Wahrheiten zahlloser Lebenssituationen kommunizieren.

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