Converge – The Dusk In Us (Doppelreview)

Band Converge
Musikrichtung Metal, Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
7

Fünf Jahre nach “All We Love We Leave Behind” legen Converge mit “The Dusk In Us” ihr neues, zehntes Studioalbum vor. Mit Kurt Ballou an den Reglern und Jacob Bannon verantwortlich für das Artwork gelingt einmal mal mehr ein audiovisuelles Gesamtwerk – aber auch ein Meisterwerk? Um es vorweg zu nehmen: Converge sind Converge und bleiben Converge; aber ohne dass es langweilig wird.

Mit “A Single Tear” eröffnen die Herren das Album gleich mit dem besten Song der Platte. Hier wird alles, was Converge ausmacht, in einen Topf geschmissen und dazu noch diverse Einflüsse aus Metalcore und Post Hardcore zu einem wahren Feuerwerk verrührt. Chaotisch doch geradlinig, mitreißend und sogar extrem melodisch. Der äußerst starke erste Song ist Segen und Fluch gleichermaßen: Der erste Eindruck zählt und der sitzt; und gleichzeitig kann es danach eigentlich nur bergab gehen, wenn auch auf sehr hohem Niveau. Die folgenden Tracks,“Eye Of The Quarrel” bis “I Can Tell You All About Pain”, sind allesamt großartige Songs. Und stehen dennoch im Schatten des famosen Openers.

“The Dusk In Us” funktioniert erst einmal wie andere Converge Platten auch: Chaotisches Geballer trifft auf Groove und Emotionen. Einen standardmäßigen 4/4 Takt sucht man beizeiten vergebens. Converge haben dieses Rezept perfektioniert und spielen damit in einer ganz eigenen Klasse. Das unterstreicht auch der Titeltrack in der Mitte des Albums. Sehr ruhig beginnend steigert er sich über siebeneinhalb Minuten. Großartig. Mit “Wildfire” folgt ein weiteres chaotisches Highlight mit einem treibendem Downbeat-Rhythmus im überaus melodischen Refrain.
“Murk & Marrow” und “Trigger” sind dann leider etwas mau geraten. Aus der Durststrecke geht es erst mit “Broken By Light” heraus bis dann “Cannibals” in 1:16 Minuten alles zerlegt, was ihm in die Quere kommt. “Thousand Miles Between Us” ist dann noch einmal eine Nummer balladesker zum Luftholen, bevor “Reptilian” zum Abschluss des Album alles in Grund und Boden stampft.

Der Sound, wieder in Kurt Ballous God City Studio kreiert, ist über jeden Zweifel erhaben. Converge typisch sehr rau, die Rückkopplungen kreischen in jeder Pause, und trotzdem transparent. Jacob Bannons Stimme ist mal mehr, mal weniger verzerrt. Bisweilen versteht man sogar, was er von sich gibt. Das Cover der Vinyl- wie auch der CD-Version sind mit einer reflektierenden Beschichtung versehen. Die hierdurch entstehende Farbvielfalt wird sowohl in den zig Vinylfarben als auch in einer limitierten T-Shirt Kollektion (eines je Song inklusive Lyrics als Backprint) aufgegriffen. Selten hat man ein Release in den Händen gehalten, das so als Gesamtwerk gestaltet war. Die zwei schwächereren Songs könnten „The Dusk In Us“ den Titel Album des Jahres kosten. Für die Top 5 reicht es aber definitiv. Mit “A Single Tear” wird zudem ganz klar die Trophäe für den Song des Jahres abgeräumt.

(7/8) – Tobias Luger

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Endlich! Converge sind nach fünf langen Jahren zurück, um uns wieder das Fürchten zu lehren. Es darf wieder im großen Stil gelitten werden. Nach „All We Love We Leave Behind“ legen die US-Amerikaner mit „The Dusk in Us“ einen weiteren Meilenstein ihrer Dominanz im Hardcore-Punk nach. So weit, so vorhersehbar. Aber auch auf ihrem neuen Studioalbum fügt die Band aus Massachusetts ihrem Stil neue Facetten hinzu, die ihren Sound noch vielfältiger und überwältigender machen.

Was im Opener „A Single Tear“ passiert, ist für Converge-Anhänger vielleicht nicht gleich zu greifen. Seit wann spielen Jacob Bannon und Kollegen derart eingängige Songs? Diese Art Melodien und Harmonien zu inszenieren ist neu – und steht der Band richtig gut. Ein höheres Maß an Eingängigkeit muss aber nicht zwangsweise Einbußen in der Intensität mit sich bringen. Denn Converge haben noch immer den Teufel im Nacken sitzen. „Arkhipov Calm“ ist eine Gleichung, die jeden Mathematiker zum Verzweifeln bringt, „Eye of the Quarrel“ reißt mehr Lämmer als ein ausgehungertes Wolfsrudel und kaum ein Song zermalmt seine Umgebung 2017 so unaufhaltsam aggressiv wie „Under Duress“. Den Höhepunkt des Albums markieren allerdings nicht die üblichen Verdächtigen, sondern der überlange Titelsong. Hier zähmt Bannon den Berseker in sich vorübergehend und greift zu cleanen Vocals. So gesellen sich zu Tollwut und Eingängigkeit auch ruhigere, melancholische Töne.

Dennoch klingen Converge auf „The Dusk in Us“ frisch, voller Wut, erfüllt von Hass und Verzweiflung. Noch immer erzeugt das Zusammenspiel aus wahnsinnigen Gitarrenfrickeleien und druckvollem Schlagzeugspiel feuchte Träume für Virtuosen – und entmutigt Anfänger jemals wieder zum Instrument zu greifen. In den Texten behandelt Bannon wieder vorwiegend die Schatten tief in uns, die Untiefen der menschlichen Seele, das, was wir ungern nach außen kehren. Eine Ausnahme stellt das infernalische „Arkhipov Calm“ dar, in dem Bannon dem sowjetischen Marineoffizier Wassili Alexandrowitsch Archipow ein Denkmal setzt. Archipow hatte während der Kubakrise 1962 einem Atom-Torpedoabschuss seine Zustimmung verweigert – und damit wohl einen dritten Weltkrieg verhindert.

Was gut ist, durfte auch bleiben: Sänger Jacob Bannon, Gitarrist Kurt Ballou, Bassist Nate Newton und Schlagzeuger Ben Koller zeigen erneut, wie gut die Einheit um Converge funktioniert. Wie grausam und wie schön zugleich dieses kompromisslos perfekte Zusammenspiel aus Wut und Verzweiflung wirken kann. Dazu der satte Sound, der selbstverständlich von Kurt Ballou himself inszeniert wurde. Zwischen Familie, Nebenprojekten und Produzentenjobs finden sie zu jedem neuen Album immer wieder genau rechtzeitig den passenden Draht zueinander, um den Schmelzofen auf Betriebstemperatur zu heizen – nur um ihn schlussendlich selbst zu Asche werden zu lassen.

Converge bedienen auf „The Dusk in Us“ nicht einfach den eigenen Mythos. Auf ihrem neuen Werk wird noch immer eskaliert, durchgedreht und gebrandschatzt – aber es eröffnet sich auch eine ganz neue Seite der Band. Eine die nicht schreien muss, um zu schneiden. Die nicht hasserfüllt zuschlägt – und trotzdem verletzt. Nichts auf Anfang, dafür alles neu. Scheiß auf fremderbaute Götzenbilder. Converge reißen sie mit ihrer Musik einfach nieder. Und zeigen, wie unwiderstehlich sie auch ruhigere Momente bedienen können. Converge haben auf „The Dusk in Us“ ein furchteinflößendes Maß an Perfektion erreicht.

(8/8) – Andreas Steiner

Autor Tobias Luger
Wohnort Hamburg
Beruf ja
Dabei seit 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos, manchmal Interviews oder Reviews
Top-Alben Poison The Well - The Opposite Of December, Shai Hulud - That Within Blood Ill-Tempered
Die besten Konzerterlebnisse Have Heart, Edge Day 2009 - Boston

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