Culture Abuse – Bay Dream

Album Bay Dream
Label Epitaph
Musikrichtung Indie Punk
Redaktion
Lesermeinung
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War das Debüt „Peach“ noch der schnelle, unkonventionelle Kaffee-Kippe-Start in den Tag, bringen Culture Abuse mit ihrem neuen Album „Bay Dream“ das Frühstück direkt ans Bett. Nicht gerade das, was man von einer Punkband erwarten würde, es ist aber auch nicht gerade verkehrt, was die Band hier treibt.

Freilich lässt sich darüber streiten, ob der Titelsong und Opener eher wie der Duft frischer Croissants angenehm langsam wachkitzelt oder ob er wie der Koffeinkick des ersten Schlucks vom Morgenkaffee augenblicklich wirkt. Tatsache ist, dass danach der Tag – oder eben in diesem Fall das Album – beginnen kann. Aber Gemach, Gemach. „Bay Dream“ hat nicht die Absicht durch die Decke zu gehen. Hier plätschert alles gemütlich vor sich hin – und das macht richtig Bock.

Der Bass schnörkelt unbeirrt durch die Songs während das Schlagzeug so simpel gespielt wird, dass der Kopf von ganz alleine mitwippt. Und der Gesang? Ach ja, der Gesang. Leadsänger David Kelling scheint in irgendeiner rosaroten Wolke knapp über diesem zuckersüßen Klangteppich zu schweben. Die Lässigkeit, die der Frontmann ausstrahlt, wird allerdings oft zu Unrecht damit erklärt, dass er sich gerne ab und an abschießt. Vielmehr leidet er an infantiler Zerebralparese, die ihn und seine rechte Körperhälfte teilweise lähmt. Auf der Bühne stehen helfe ihm allerdings und mittlerweile würde er auch lernen, sich selbst nicht mehr zu hassen.

Diesen Frieden findet man auch im lockeren Sound auf dem aktuellen Album wieder. Denn wo auf „Peach“ noch der Punk und leichte Grunge-Anleihen den Ton angaben, verdrängt „Bay Dream“ die ungeschliffenen Momente und die rauen, nach vorne stürmenden Anläufe des Vorgängers, den die Band, die bereits handverlesen von keinem geringeren als Billie Joe Armstrong eine Show in Londons Hyde Park für Green Day eröffnete, hier zurecht nicht wiederholen möchte.

Auf „Bay Dream“ umgarnt sonnig-süßer Pop mit auf den Leib geschneiderten Indie-Einschlägen, die wie klebriger Kaugummi nach dem ersten Durchlauf im Gehörgang kleben bleiben – und das dürfen sie auch gerne. Mühelos spielen sich die Jungs durch die 10 Songs, ohne auch nur einmal die Contenance zu verlieren.

Aufstehen? Drück lieber nochmal die Snooze-Taste. Der Tag beginnt, wenn wir es wollen. Und wenn man es mit solch sympathischen Jungs zu tun hat, lauscht man noch gerne ein paar mehr Geschichten über Momente, in denen man sich gerne mal verweigert („Bay Dream“), das Leben einfach nur genießt („California Speedball“) oder über die kleinen Tritte in den Hintern, die man ab und an mal nötig hat („S’Why“) – und all das verkaufen Culture Abuse so ehrlich und nahbar, dass man immer mehr davon möchte.

So lange der Sommer bleibt, darf auch „Bay Dream“ im Tape-Deck laufen, transportiert es die sommerlichen Vibes doch so viel besser als es jede Fanta-Werbung jemals könnte. Und wenn der Herbst langsam die Blätter von den Bäumen jagt und den Regen durch die Straßen peitscht, bleiben wir im Bett liegen, drücken einfach noch mal Play und flüchten uns zurück in den „Bay Dream“.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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