Culture Abuse – Peach

Album Peach
Label 6131 Records
Musikrichtung Grunge, Punk
Redaktion
Lesermeinung
6

Skaten, feiern – halt einfach `ne gute Zeit haben, gerne auch mal garniert mit ein bisschen Gras. Was Culture Abuse da als Zutaten für ihren idealen Tag vorbeten, klingt nach formidabler Wohlstandsverwahrlosung von prätentiösen College-Kids, die irgendwann auf American Pie hängen geblieben sind. Und während sie nun so gediegen in den Tag hineinleben, ersinnen sie vermutlich ausgefuchste Melodien, zu denen Mark Hoppus und Co. putzmunter im Adamskostüm durch’s Dorf flitzen könnten – wofür die Herren vermutlich nach wie vor sofort zu haben wären. Mutterwitze gehen mit 40 ja schließlich auch noch, meine Güte.

Na, Interesse geweckt? Nun, leider sind Culture Abuse nicht die nächsten bahnbrechend innovativen Pop-Punk-Quälgeister von nebenan. Das Quintett hat sich lieber einem Grunge-infizierten Punkrock verschrieben. Durchaus mit Pop-Appeal, ja, aber gleichzeitig mit ordentlich Garagencharme. Soviel zum ersten Unterschied zu den schwachbrüstigen Blink-Erben. Viel entscheidender aber ist der zweite: Wohlstandsverwahrlosung wird ihnen wohl niemals jemand vorwerfen. Denn wo sie sind, ist ganz unten.

Ihr Wohnsitz San Francisco dagegen genießt einen fabelhaften Ruf. Das Hippie-Mekka bietet kulinarische Köstlichkeiten aller Herren Länder, eine traumhafte Lage am Pazifik und die fleißig-zuckelnden Cable Cars haben auch was. In dieser Idylle leben, gerät allerdings schnell zum Überlebenskampf, erst recht als Musiker ohne dollarschwere Familie an der Seite. „Das ist eigentlich unmöglich“, fasst es Sänger David Kelling im Interview mit Noisey zusammen. Selbst alte Punker-Hochburgen würden von Yuppies aufgekauft – die Gentrifizierung lässt grüßen.

Kelling und seine Mitstreiter wohnen mittlerweile in ihrem Proberaum, fünf Leute eingepfercht in einem fensterlosen Kabuff. Ein Gemeinschaftsbad gibt’s den Flur runter. Aufs College geht hier keiner. Im Haus hat sich eine ganze Musikerkommune eingenistet. Von hier höre man Hip-Hop, von anderswo kämen auch mal brachiale Metal-Riffs, erzählt Kelling – und natürlich sei das alles völlig illegal. Kreative Dichtungen auf das ach so harte Leben braucht sich hier keiner auszudenken. Über Wasser hält man sich bisweilen mit kleinen Dealereien, alles nur, damit jeder Tropfen Herzblut in die Band fließt. Kelling träumt nicht einmal von einem sachten Anschein bürgerlichen Lebens. Die Aussicht auf die anstehenden Tourmonate sei alles was er brauche, um glücklich zu sein. Ein Musiker-Plattitüde vor dem Herrn – bei diesem David Kelling gleicht sie einer Art Glaubensbekenntnis.

Das Thema von „Peach“ ist da folgerichtig: Mach was du willst! Frei von Zwängen, Stereotypen oder Diskriminierung. So naiv das klingen mag, für Culture Abuse ist es ihr ganz persönlicher American Dream. Ein Traum, für den sie fast alles geopfert haben.

Wenig überraschend strotzt „Peach“ nur so vor brachialer Energie, allen voran „Turn It Off“: Ein brillant-melodiöser Punkrock-Brecher, mit herrlich bissigen Riffs, mal opulent flirrend, mal unaufhaltsam vorwärts. Die rotzige Melodie-Freude erinnert stellenweise an die frühen Sharks (die Queen habe sie selig). In „Don’t Worry“ geht die wilde Fahrt so herrlich weiter, nur kommt hier das Grunge-Faible der Herren in wunderschön-windschiefer Manier voll zum Tragen. „Rainy Days“ dreht das derart meisterhaft ins Melancholische, da geht der klassisch-kernige Punkrocker „Chinatown“ glatt ein wenig unter. „Peach“ versprüht eine angenehme Vielfalt, wenngleich natürlich immer mit dem Punk verheiratet. Auch das lässige „Yuckies“, mit dezentem Rock-Star-Gestus und einem unerwartet netten Mundharmonika-Exkurs, sitzt exzellent – und die hehre Botschaft ist sowieso omnipräsent:

„Why cant you just leave people live just how they wanna live and live on your own?“

Kellings Textbuch kennt nur sein ganz eigenes Bekenntnis zu totaler Liberalität und natürlich den alltäglichen Kampf, über die Runden zu kommen mit der Band. Zum Glück artet das nur in „Peace On Earth“ in überaffektierten Eskapismus aus: „I never thought about the government or the president, I never voted for them anyway, I just wanna get by, if that’s alright“. Das Festival der Sorglosigkeit im sonnig-rockigen Gassenhauer “Dream On” gelingt ohnehin viel besser und Kelling als sorglos-frecher Romantiker hat auch was: „I’ve been living a life of sin, I pretend that I’m innocent, I know you dont approve, but I do fine and I’ll call you all the time“

Culture Abuse haben einen Heidenspaß an ihrem energiegeladenen Grunge/Punk-Gemisch. Pausen braucht es da keine. Das rustikale Akustik-Intermezzo „Living In The City” ist mit seinen 44 Sekunden gerade kurz genug. Der getragen dahinschlurfende Katersong zum Abschluss („Heavy Love“) dagegen hat seinen Reiz.

David Kellings Leben gleicht einem permanenten Kampf. Geld habe er schon in seiner Jugend kaum gehabt, bescheidener Reichtum kümmere ihn auch heute nicht. Nach der Highschool gingen seine Freunde aufs College, er ging auf Tour. Bereut dürfte er das nicht haben – und jetzt will er seine Chance nutzen. Mit „Peach“ hätte das Unterfangen jedenfalls kaum besser beginnen können.

„There’s no future, but i don’t mind living in the city”

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Koordination Interviews, Lektorat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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