Deafheaven – New Bermuda

Album New Bermuda
Band Deafheaven
Label Anti-Records
Musikrichtung Metal, Shoegaze
Redaktion
Lesermeinung
6

In der Haut von George Clarke und Konsorten wollte man nicht stecken. Immerhin ging es um nichts Geringeres als einen Nachfolger für eines der bestaufgenommensten Alben der bisherigen Dekade zu schreiben. Die Kritiken waren durch die Bank überwältigend: Wegweisend und stilprägend war nicht selten das Prädikat. Nun lässt sich vorzüglich darüber debattieren, ob der sogenannte „Blackgaze“, den Deafheaven auf „Sunbather“ zelebrierten, wirklich die Innovation war, die ihm häufig zugesprochen wurde. Auch andere, weniger erfolgreiche Bands sind diesen Weg schon gegangen, in den letzten Jahren scheinen außerordentlich viele dazu gekommen zu sein.

Letztlich bleibt so aber vor Allem ein Eindruck: Deafheaven haben den Black-Metal salonfähig gemacht. Keine Corpse-Paints, keine ausschweifenden satanischen Phantasien oder Gewaltszenarien. Fünf „normale“ Typen machen extreme Musik mit „normalen“ Texten. Eine Symbiose aus donnerndem Gewitter, keifenden Lyrics und wunderbar verträumten Soundlandschaften. Zurecht stellte man sich die Frage: Wie wollten Deafheaven das toppen? Oder ein Album schreiben, dass überhaupt eine ähnliche Relevanz, berechtigt oder nicht, innehaben kann?

Auch mit „New Bermuda“ wird der Fünfer aus San Francisco wieder polarisieren. Zwischen Feuilleton und Trueness-Debatten in der oftmals sehr engstirnigen Black-Metalszene ist es ein schmaler Grat zwischen Verehrung, künstlerischer Akzeptanz und blankem Hass, der der Band so des Öfteren entgegenschlug. Das pinke Cover von „Sunbather“ passte eben auch nicht in das testosterongeschwängerte und patrizentrische Weltbild, das in weiten Teilen der Metalszene immer noch verbreitet ist und gerne mit Fackeln und Mistgabeln verteidigt wird. Deafheaven laden mit dem Nachfolger erneut zum kollektiven Über-den-Tellerand-Schauen ein – gestehen sich dabei aber durchaus Kompromisse zu.

So ist „New Bermuda“ definitiv black-lastiger als sein Vorgänger. Und das metaphorische Corpse-Paint steht Clarke ganz ausgezeichnet: Gerade die erste Hälfte des Albums ist dabei im Vergleich zum Vorgänger ungewohnt heavy, düster und getragen von mehr scheppernden Drums, bitterbösen Basslines und hysterischem Gekeife. Trotzdem schaffen es „Brought To The Water“, „Luna“ und „Baby Blue“ vor allem nach hinten raus immer wieder, in den beinahe wunderbaren melodischen Momenten aufzugehen, die auch Sunbather so besonders gemacht haben. Richtig überragend wird „New Bermuda“ dann gegen Ende: In „Come Back“ und „Gifts For The Earth“ schleichen sich wieder diese ruhigen Passagen ein, die bereits auf „Sunbather“ dazu imstande waren, Songs auch weit über die Zehn-Minuten-Marke hinaus kurzweilig und letztlich überwältigend erscheinen zu lassen. „New Bermuda“ ist keine zweite Sunbather, nimmt aber deren Stärken und garniert sie mit neuen Elementen. Dabei nähert man sich vielleicht ein bisschen mehr dem Black-Metal an, lässt aber letztlich die Shoegaze-Parts und Spielereien zu keiner Zeit zu kurz kommen.

Es lässt sich nur wiederholen: Deafheaven machen hier nichts sonderlich neu oder so innovativ, wie das an vielen Stellen sicherlich wieder dargestellt werden wird. Dafür haben sie es aber geschafft, Blackmetal und Shoegaze, Härte und Melodie so unter einen Hut zu bekommen, dass es mehr oder minder massentauglich wird. Wer nicht in musikalischen oder ideologischen Dogmen gefangen ist, wird auch mit „New Bermuda“ wieder ein großartiges Stück Musik in seinen Händen halten können. Der Trueness-Mob wird dafür in den Shoutboxen dieser Welt wieder die Mistgabeln schwingen. Das war zu erwarten – es dürfte Deafheaven jedoch völlig egal sein.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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