Deafheaven – Ordinary Corrupt Human Love

Band Deafheaven
Label Anti-Records
Musikrichtung Black Metal, Shoegaze
Redaktion
Lesermeinung
7

Deafheaven waren schon immer für Überraschungen gut. Spätestens seit „Sunbather“ weiß man, dass man bei dieser Band mit allem rechnen muss – und spätestens mit ihrem neuen Album „Ordinary Corrupt Human Love“ zeigt uns die nach Los Angeles umgezogene Band, womit niemand gerechnet hat. Deafheaven finden die Romantik.

Die ersten Minuten von „Ordinary Corrupt Human Love“ erinnern ein wenig an „Houses We Die In“ von Piaons Become The Teeth. Der Band, die sich nach und nach so weit von ihren Wurzeln entfernt hat, dass man bei letzten beiden Alben beim besten Willen nicht mehr zurückverfolgen kann, in welchem Genre diese Band ihren Ursprung hatte. Ist das schon verfälschte musikalische DNA? Auf jeden Fall lassen sich hier Parallelen zu Deafheaven ziehen, der Band, die sich 2013 anschickte, ein ganzes Genre auf den Kopf zu stellen – und nicht wenige Anhänger des Black Metal gegen sich aufzubringen.

Mit ihrer neuen Platte scheinen Deafheaven ganz langsam in dieselbe Richtung wie PBTT zu driften – auch wenn sich die Verwandlung bisher nur ankündigt. Denn der einst tonangebende Black Metal der Band, der auf dem Vorgängeralbum „New Bermuda“ sogar noch düsterer ausfiel als auf „Sunbather“, wird zunehmend mit außergewöhnlichen Momenten angereichert. Wie im von Klavierklängen begleiteten Opener, wenn gegen Ende die Gitarren sogar Pink-Floydsche Töne anschlagen. Auch die bitteren Geschichten über Selbsthass oder menschliche Tiefen hat Frontmann George Clarke gegen romantische Züge ausgetauscht, die sich durch das ganze Album ziehen. Vorgetragen werden sie allerdings noch immer im Trademark-Keifen des Sängers.

Produziert wurde das Album, dessen Name der 1951 erschienenen Novelle „The End Of The Affair“ von Graham Greene entlehnt wurde, von Deafheavens Haus- und Hofproduzent Jack Shirley (u. a. Loma Prieta, Punch), der auch schon bei den drei Vorgängern an den Reglern Platz genommen hatte. Eine Konstante, die der Band merklich gut tut. Und Konstant bleibt auch die ausbleibende Versöhnung mit der Black-Metal-Szene. Das hatten Deafheaven aber auch gar nicht vor. Wer seit 2013 „Sunbather“ erschien von kritischem Beäugen bis zu hässlichen Kommentaren mit viel Häme, Spott und auch Zorn überhäuft wurde, hält das auch noch etwas länger aus. Dafür dürfte ihr viertes Album wieder weitere Nachwuchshörer an das in engem Korsett gehaltene Genre des Black Metal heranführen.

Sie haben eben ein Händchen für die besonderen Momente, diese Deafheaven. Beispielsweise, wenn in „Canary Yellow“ Schlagzeuger Daniel Tracys ab der Mitte des Songs einem brutalen Wutanfall einfach mal seinen Lauf lässt und die Gitarren darüber eines der schönsten Soli legen, die man je von Deafheaven gehört hat. Oder da wäre noch das Gitarrensoli in „Glint“, das die Barrikaden aus Hass, die im Song zuvor aufgetürmt wurden, wie ein Lichtstrahl zersägt. Oder der ersten Single des Albums „Honeycomb“, die dunkel und malmend startet, nur um gegen Mitte zarte Frühlingsblumen ins pastellfarbene Corpse Paint zu malen.

In all den Metal und die gestählten und auftrumpfenden Soli mischen sich aber auch ruhigere Momente, wie das melancholische Kleinod „Near“ oder das in Kollaboration mit der wundervollen Chelsea Wolfe entstandene „Night People“, in denen Sänger Clarke seine normale Singstimme hören lässt. Und so könnte man über jeden Song eine eigene kleine Geschichte erzählen, denn was „Ordinary Corrupt Human Love“ so wundervoll macht, ist, dass hier wie bei einem Mosaik kein Stein zum anderen passt, alle zusammengenommen aber ein überwältigendes Bild ergeben.

Deafheaven schaffen es auch mit ihrem neusten Streich zu verwundern. Wo „New Bermuda“ nur verbrannte Erde hinterlassen hat, pflanzen Deafheaven jetzt leuchtende Frühlingsblumen. Auf „Ordinary Corrupt Human Love“ fügen sie ihrem Stil weitere blühende Nuancen hinzu. Keine Ahnung, wo das noch enden soll. Hauptsache ist, es endet nicht.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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