Die Nerven – Fake

Album Fake
Band Die Nerven
Label Glitterhouse
Redaktion
Lesermeinung
7

Die Meister der Gegensätze sind zurück. Mit „Fake“ gelingt den Nerven eine aufreibende Zusammenführung von Pop und Lärm. Spoiler: Gut gelaunt sind die Jungs aus Stuttgart immer noch nicht. Die Tanzschuhe dürfen trotzdem aus dem Schrank geholt werden.

Mit „Out“ und „Fun“ hatten sich die Nerven in die Herzen des Feuilletons und der Postpunk-Szene gespielt. Mit Konzerten in ganz Europa, USA und Israel konnte das Trio seine Songs sogar schon auf internationalem Parkett präsentieren. Das ist nicht nur deshalb erstaunlich, weil die Band auf Deutsch singt, sondern weil sie bis dato oftmals ganz schön brachial und sperrig geklungen haben.

Leichte Kost ist auch „Fake“ mitnichten. Tatsächlich trauen sich die Stuttgarter aber, tiefer in poppige Sphären vorzudringen und ihre Songs klarer zu arrangieren. Das wird besonders in Songs wie „Niemals“ deutlich: fast schon tanzbar, eingängig und nur vereinzelte, aber umso punktierte aggressive Ausbrüche („aber manchmal denk ich laut!“). Wer sich nun in dieser angezerrten Beschaulichkeit eingekuschelt hat, wird im unmittelbaren Anschluss aus dem Sessel geschmissen. „Frei“ brüllt das Publikum instrumental und gesanglich an. Der polternde Refrain wird von stampfenden Strophen behutsam, aber eindringlich aufgebaut und ist trotz seiner offenen Aggression so etwas wie ein Hit. Diese Abwechslung von eingängigen, ruhigen Songs und offensiveren, unangenehmeren Tracks zieht sich konsequent durch das gesamte Album.

Auffällig bleibt nach wie vor, wie die Nerven textlich so diffus bleiben und eher Atmosphären, Szenerien kreieren statt einer klaren Message. Zeilen wie „Bin ich der einzige, der hier weint“ („Der Einzige“) oder „Denk ich nicht nach und doch so viel“ („Alles Falsch“) hüllen sich wie ein weiteres Instrument in den Klangteppich der Songs. Damit unterscheiden sie sich von Genre-Kollegen wie Tocotronic oder Trümmer, bei denen die Texte auch problemlos für sich stehen könnten. Haltungen wie im angesprochene Song „Niemals“ mit seinem Ja zur Orientierungslosigkeit in einer nach Selbstoptimierung strebenden Gesellschaft („Finde niemals zu dir selbst“) treffen dabei dennoch messerscharf den Zeitgeist.

Die Nerven haben mit „Fake“ zweifellos einen großen Schritt gemacht. Das sorgfältigere und mutigere Songwriting hat Lieder hervorgebracht, die das Potenzial haben, weit über die Genre-Grenzen von Postpunk und Alternative gehört zu werden. Wird Zeit, dass The Killers, Bloc Party und Co auf den verstaubten „Indie-Disko-Gehen“-Playlisten Konkurrenz bekommen – Zeit für Die Nerven.

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
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