Die Toten Hosen – Laune der Natur

Label JKP
Musikrichtung Rock
Redaktion
Lesermeinung
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Bild verkauft den Volks-Rasierer, Campino und Co liefern seit geraumer Zeit zuverlässig den Volks-Rock. Die Düsseldorfer Punks a.D., angeführt vom Echo Klassik-gekrönten und seit jeher omnipräsenten Altschreihals Campino, waren bekanntermaßen musikalisch schon wilder unterwegs. Aber irgendwann ist wohl für jede Band die Zeit gekommen, dass der Frontmann Interviews über Muttertag zu seinen Kindertagen gibt und ein Bandphysio mit in den Tourbus klettert. Zwei beispielhafte Zeichen dafür, dass, genau, langsam aber sicher die (Musik-)Rente naht.

Freilich scheint das bisschen Verschleiß die Herren aktuell nicht allzu sehr zu kümmern. Von Altersteilzeit dürften sie noch weit entfernt sein. Kein Wunder, sind die Hosen besser im Geschäft denn je. Vor „Tagen wie diese“ gibt’s kein Entrinnen, Campino ist Ansprechpartner für Weltpolitik wie Pop-Bestandsaufnahmen gleichermaßen und wenn der Chef vom Dienst zum Band-Aid-Rudelsingen ruft, eilen die Granden der deutschen Musikwelt herbei (und kleine Lichter sowieso). Das sechzehnte (!) Album stand nun freilich unter keinem guten Stern: 2016 starb der ehemalige Schlagzeuger der Truppe, Wolfgang Rohde, bereits Anfang 2015 ihr langjähriger Manager, Jochen Hülder. Dessen Beerdigung erzählen sie auf „Eine handvoll Erde“ gar detailreich nach.

Auf der Erde liegt ein dunkler Schatten, diagnostizieren die Düsseldorfer Zeitendeuter folglich – zweifellos auch mit Blick auf die politische Großwetterlage. Doch „Unter den Wolken“ sind die alten Herren noch nicht erlahmt, nein, die Freiheit, ihre Freiheit, die geben sie nicht her. Joachim Gauck würde das wohl genau so unterschreiben. In „Wie viele Jahre (Hasta La Muerte)“ steht das Quartett dann nochmal in seinem offenbar ersten (ziemlich siffigen) Proberaum. Die Truppe blickt kurz zurück, trinkt symbolisch zwei Kästen Bier und dann wieder nach vorne, mit aller Vorfreude der Welt versteht sich – und ihre alten Fans fühlen sich umarmt. Das vertonte Reisetagebuch „Alles mit nach Hause“ schlägt in die gleiche Kerbe, freilich etwas lauter. An Energie mangelt es den Herren nach wie vor nicht, an Routine noch viel weniger. Von „Unter den Wolken“ dürfte sich so manche angeblich aufstrebende Band ein gehöriges Scheibchen abschneiden.

Mächtig aufgetakelter Stadionrock, immer noch ein wenig zu laut und zu kratzig, um nach Tim Bendzko aufzutreten: knallige Drums, wenige Riffs, große Wirkung – das Hausmittel für die schnelle Hymne nebenher beherrschen Campino und Co. im tiefsten Schlaf. Auch in Verschnaufpausen rasant genug, um beim munteren Gemüse schnippeln nicht wegzudämmern, wenn der tägliche Radio-Brei aus belanglosem Plastik-Pop keine Alternative ist.

Bei dem hyperaktiven „Urknall“ dürften zwar ein, zwei Tomaten vom Brett rutschen, interessanter macht der ostentative Krawall die immer gleiche Mär von den heimkehrenden verlorenen Söhne noch lange nicht. Gegen „Laune der Natur“ ist das freilich noch ganz angenehm. Bei der biederen Pop-Rock-Nummer kommen über die ersten Zeilen nur die Hardcore-Fans ohne saftige Strafandrohung hinaus: „Als wir geboren sind, wurd‘ die Erde heiß, lassen Gletscher schmelzen für ’ne Kugel Eis“.

Immerhin ein todsicheres Opfer für Volker Kauders nächste Gesangseinlage auf der CDU-Party zu Merkeks vierter Runde hat „Laune der Natur“ wohl nicht zu bieten. Das freut vielleicht den Konzertmeister (und Merkel, weil sie diesmal keine Abbitte bei den Düsseldorfern leisten muss). Doch nach Campinos Disput mit Jan Böhmernann („lieber uncool sein, als ein cooles Arschloch“) wegen dessen genussvoll aufgezogener (und nur berechtigter) Geißelung des deutschen Pop-Stelldicheins zeigt Campino mit solchen Texten, dass der herrlich-freche Gebühren-Hansel hier vor allem eins hatte: Recht. Denn sollten die Hosen nächstes Jahr mit „Wannsee“ zum ESC tingeln, hätte auch Levina wieder was zu lachen: „Das Mädchen aus der Hauptstadt lässt mich nicht mehr richtig denken, will mein Herz in ihrem tiefblauen Swimmingpool versenken“ – mit solchen Reimen aus der Krabbelgruppe geht’s garantiert noch den einen Platz zurück. Wenngleich der überfällige Gruß an die Liebeserklärung dieser anderen deutschen Band an diesen ziemlich bekannten Moloch auf dieser wahrlich wunderschönen Nordsee-Insel ja doch einen gewissen Charme hat.

„Wannsee, Wannsee, wann seh‘ ich dich endlich wieder? Wannsee, Wannsee, ich komm‘ zurück zu dir“
Vor allem aber widmen sich die Herren in „Pop & Politik“ der Idioten-Mär, Musik und Politik solle man doch bitte trennen. Poltische Äußerungen von Musizierenden wolle doch eh keiner hören – der neudeutsche Biedermeier will lieber in Ruhe rocken. Dabei stand nie zur Debatte: Politisch ist alles, natürlich auch die Musik. So ganz verleugnen sie ihre Punk-Wurzeln eben auch 2017 nicht, wenngleich das Stück nun wahrlich keine kreative Meisterleistung ist.

Einen getragen dahinschmachtenden Akustik-Abschiedsgruß, dem der Pathos aus jeder Pore trieft, liefern die Hosen natürlich auch mit: „Ich hab‘ Blut von dir im Herzen, das ist alles, was mir bleibt, Sehnsucht nach dir in meinem Herzen, lange noch kein Grund zur Traurigkeit“ Feuerzeuge sind ja nur fürs Kippen anzünden viel zu schade. Vorher hat „Geisterhaus“ schon pflichtschuldig der Tränenorgie das Zeichen gegeben:

„Hier gab’s mal Eltern, Kinder und Geschrei, Träume und Familienstreit und die Liebe hat hier mal gewohnt“

Der Golf geht wohl erst 2019 in die achte Generation. Bis dahin haben die Toten Hosen bestimmt ihr siebzehntes Album geschrieben, Fortuna Düsseldorf drei weitere Trainer in Liga zwei verschlissen und Frauke Petry die Alternative zur Alternative für Deutschland gegründet. Auf manche Dinge ist eben Verlass. Und auch wenn die Zeit der musikalischen Großtaten für Campino und Co. hörbar Geschichte ist: Wir werden diese nimmermüden alten Herren irgendwann vermissen. Garantiert.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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