Disembarked – Nothing’s Wrong Here

Musikrichtung Post-Hardcore, Screamo
Redaktion
Lesermeinung
7

Inhaltlich liegt bei Disembarked so Einiges im Argen. Das Zwischenmenschliche liegt in Scherben, Beziehungen sind in die Brüche gegangen, das Verhältnis mit der Mutter ist schwierig bis nicht existent, Freunde sind keine Hilfe. Falsch wäre es jedoch, die Fehler ausschließlich bei den jeweils anderen Beteiligten zu suchen. „Nothing’s Wrong Here“ fühlt sich selbst auf den Zahn: Man ist meisterlich im Aufschieben, konnte in seiner Ohnmacht den schleichenden Prozess der Einsamkeit nicht verhindern und trägt mindestens genau so viel Schuld an den zahllosen Miseren. Es ist wie mit dem berühmten Wasser in hohlen Händen: Je verzweifelter man versucht festzuhalten, desto unaufhaltsamer entfesselt sich der Lauf der Dinge. Alles wirkt transparent, die Wirklichkeit ist kaum zu greifen.

Disembarked liefern einen ambivalenten Aufarbeitungsansatz für zwischenmenschliches Versagen – denn es gehören immer (mindestens) zwei dazu. „To postpone is what I’m really good at, and it’s all your fault since you’ve postponed me through all my life“ schreit sich „Postponed“ die Verzweiflung von der geschundenen Seele und leitet ohne Umschweife in „Absent Mother“ weiter, dessen Titel in diesem Zusammenhang für sich zu stehen vermag.

Und weiter: Besser hätte man die entflohenen Mitmenschen kennen müssen, besser hätte man sich selbst kennen müssen. Immer ist das Ganze durchzogen von einer sartre-esquen existenzialistischen Grundangst: Wer bin ich? Was passiert mit mir? Warum existiere ich? Warum hier und jetzt? Deutlich wird der innere Konflikt vor allem in „Saunter“: „Because right now I don’t exist, I’m stuck somewhere else. I’m here, but not quite here. I want to be there, but instead I’m here. So where am I?“

„Nothing’s Wrong Here“ ist Ohnmacht und Akzeptanz, Verzweiflung und Erklärung zugleich. Damit schwankt das Album zwischen Aufarbeitung und dem Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, menschliche Nähe suchen zu können. Die Phrase „Nothing’s Wrong Here“ steht sinnbildlich für die emotionale Instabilität, die das Album in einem extrem tiefen und persönlichen Licht erstrahlen lässt.

Disembarked verpacken den ganzen Cocktail in subtil-intensiver Melodik mit dem Hang zur großen Geste und erschaffen ein Soundbild, bei dem besonders diejenigen frohlocken sollten, denen das neue Pianos Become The Teeth-Album nicht laut genug war. Auf „Friends, Are You Still There“ holt man sich zusätzliche Unterstützung vom Sänger der ebenfalls sehr talentierten Shirokuma ins Boot und zeigt eindrucksvoll, dass Schweden in Sachen Post-Hardcore momentan so Einiges zu bieten hat. Musikalisch ist hier also wirklich gar nichts verkehrt.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
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