Drangsal – Harieschaim

Album Harieschaim
Band Drangsal
Label Caroline
Musikrichtung Alternative, Punk, Pop
Redaktion
Lesermeinung
6

Der Pop hat das Träumen verlernt. Bowie wollte noch ein Held sein, wenn auch bloß für einen Tag. Als Ziggy Stardust schwebte er über den Dingen, stets im erbitterten Kampf mit der profanen Normalität. Sein Weggefährte Prince genoss es geradezu die ewig-gestrigen Verfechter von Geschlechter-Stereotypen genüsslich vor den Kopf zu stoßen – und stellte nebenbei stets aufs Neue die Musiklandschaft auf selbigen. Und Englands Miesepeter vom Dienst, Morrisey, wurde schon als Smiths-Chef nie müde seine latente Mysanthrophie als prunkvolle Weltentrauer zu vertonen. Darunter macht er es bis heute nicht.

Wohin ist all die erhaben-funkelnde Opulenz? Wohin der herrliche Größenwahn? Wohin die himmelschreiende Sehnsucht?

Heute träumen hierzulande AnnenMayKantereit von nichts Größerem, als einer Altbauwohnung mit der Angebeteten, während sie schon vor der Mammutaufgabe Ummelden kapitulieren und sich an ihrer juvenilen Planlosigkeit ergötzen. Ein gewisser Joris räumt drei Echos dafür ab, schlechte Reime auf eiskalt kalkulierte Radio-Melodien zu säuseln und Bosse stopft sich zu dramaschwerer Streicherbegleitung mit Kieselsteinen voll. Weiß Gott, das ist nicht alles schlecht. Am Ende bleibt es aber spießbürgerlicher Besinnungspop.

David Bowie und Prince haben Grenzen gesprengt, scheinbare und faktische. Sie haben ihr Publikum gnadenlos mit gerne auch verstörenden neuen Kreationen konfrontiert. Ihre Botschaft war, frei interpretiert: Die Welt ist größer und vielfältiger als dein Vorgarten. AnnenMayKantereit und Co. dagegen kümmern sich liebevoll um eben diesen, auf dass er ja prächtig gedeihe – und die hektische Realität dieser weiten Welt schön draußen bleibe. Die Biedermeier werden eben immer jünger.

Max Gruber nervt das dezent. Warum der Kölner Wanderzirkus und Konsorten rauf & runter gespielt werden, meint er aber zu wissen: „Weil die meisten Leute keine Lust haben, Musik mit Gehalt zu hören“. Der 22-jährige hat eine diebische Freude am Anecken (wie in unserem Interview mit ihm nachzulesen). Noch lieber aber steht er auf der Bühne – mit seiner Antwort auf die Taschenspieler-Romantik der etablierten Pop-Gilde.

Das Landei aus der Pfalz ist ein bekennender Pop-Nerd. 1993 geboren, aber mit dem Sound der 80er groß geworden. New Wave, Post-Punk und Neue Deutsche Welle haben ihn nie mehr losgelassen. „Harieschaim“ blickt so mit einem Auge zurück und mit dem anderen forsch nach vorne. Das Ergebnis ist herrlich-brachialer Breitwand-Pop – tiefgründig, ohne jede Scheu vor Kitsch und vor allem mit diesem gewissen Schuss brüsken Größenwahn.

Kurzum: Drangsal ist das Beste, was der deutschen Pop-Landschaft passieren konnte.

“Love me or leave me alone! I’m not without sin, yet I would cast the first stone, help me or break my bones”
Gruber weiß nur zu gut, wie großes Drama aufgetischt werden muss: es braucht Fallhöhe. Und die schillernde Synthie-Pop-Perle „Love Me Or Leave Me Alone“ bietet sie. Ein erhaben produzierter Ohrwurm vor dem Herrn und Gruber als einsamer Romantiker mit der stoischen Courage des ewigen Außenseiters – niemals anbiedernd, niemals verzagend. Er sagt es mit Falko: „Ich bin lieber extrem geil oder extrem scheiße. Dazwischen möchte ich gar nicht stattfinden.“ Es bestehen keine Zweifel, wo er sich und sein Schaffen einordnet. Als arrogant tituliert zu werden, nimmt er bereitwillig in Kauf. Müßig zu erwähnen, dass er Morrisey verehrt.

Doch wer ein morbide dahin-rumpelndes Post-Punk-Ungetüm mit einem derart herrlich-markanten Bass wie „Der Ingrimm“ (“Never open your arms, if you cannot take an embrace and if you don’t want my gun, you better kiss this ugly face“) schreibt und in “Will Ich Nur Dich” meisterhaft Neue Deutsche Welle zu einem süchtig machenden Gassenhauer aufbrezelt, der braucht sich wahrlich nicht kleiner zu machen als er ist.
„Ich hab den Kopf voll mit Pflastersteine, weil du nie kapierst, was ich meine. Hab die Hosen voll gebroch’ner Beine, wünsch‘ mir insgeheim es wären deine („Der Ingrimm“)“

Eigentlich klingt „Harieschaim“ viel zu britisch, um deutsch zu sein. Um maßgeblich vom Leben in jenem pfälzischen Kaff zu handeln, nach dessem mittelalterlichen Namen es benannt ist – Herxheim bei Landau. Und doch tut es das. So blamiert der brillant-urbane Post-Punk-Brecher „Hinterkaifeck“ mit seinem vertrackten Beat und dem unergründlichen Charme alle blasierten Berliner-Indie-Wannabes bis auf die Knochen. Das hyperaktive „Moritzzwinger“ fährt furchtlos übermächtig-wabernde 80er-Synthies auf, während der düstere Dark-Pop auf „Do The Dominance“ mit seinen derben Industrial-Drums Grubers Marilyn Manson-Faible ausspielt.

Gruber nennt sein Werk wohlweislich „Brachial-Pop“. Denn er weiß: Auch wenn im Video zu Pop-Musterschüler „Allan Align“ Jenny Elvers den gefallenen Stern mimt, klingt „Harieschaim“ zu rotzig, zu rasant um schnurstracks in die Morning-Shows der Republik zu wandern. Der Platte tut das nur gut, denn das furiose Indie-Rock-Finale in „Wolpertinger“, „Der Ingrimm“ oder „Schutter“ als solches möchte man wirklich nicht missen. Und die Radios kommen irgendwann von ganz allein.

Natürlich ist Max Gruber nun nicht Bowies Erbe oder der neue Robert Smith. Letzteren kann er sowieso weder ausstehen, noch haben ihn The Cure jemals groß gejuckt. Und freilich vermag man auf „Harieschaim“ allenthalben das Erbe der Altvorderen erhaschen. Doch was soll daran Sünde sein, in einer Zeit, wo gefühlt jeder Trend in der Vergangenheit wurzelt?

Drangsal verordnet den Blick über den Tellerrand. Er bringt Wagnis, Übermut und Kontroverse in ein Pop-Business, in dem sich momentan alles um die eigenen Allerwelts-Wehwehchen dreht. Allein dafür, muss man diesem blassen, dünnen Jungen von Herzen dankbar sein.

Unser Interview mit Drangsal lest ihr hier: www.stageload.org/interviews/interview-mit-drangsal

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Koordination Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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