Editors – The Weight Of Your Love

Band Editors
Musikrichtung Alternative, Indie
Redaktion
Lesermeinung
4

Normalerweise läuft die Schreiberei bei mir ja so ab: Unvoreingenommen rangehen und abwarten ob mich etwas anspringt, dass Punkte kostet – bisweilen springt da eine ganze Menge. Bisweilen lässt mich aber auch mein bewährtes System im Stich. Denn unvoreingenommen rangehen ist verdammt schwer, wenn sich ein Album „The Weight Of Your Love“ schimpft. Wäre es nun die jüngste Bohlenausgeburt könnte ich es geflissentlich ignorieren, doch leider haben sich die Editors zu dieser schmierigen Schandtat von Albumtitel hinreißen lassen. Ein neues System muss also her: „The Weight Of Your Love“ möge mir doch bitte beweisen, dass es seinem ZDF-Fernsehgartentitel nicht vollends gerecht wird.

Sie waren die neuen Interpol, wurden mit The National in einem Atemzug genannt und doch hatten sie bereits mit „In This Light On This Evening“ begonnen, diesem großen Erbe den Rücken zu kehren. Anno 2013 haben die Editors nun jegliche Post-Punk/New Wave-Fassade endgültig abgelegt, sodass mit neuem Keyboarder und Gitarristen der ersehnte Weg endlich frei ist – stante pede in die weite Arena des Stadionrock.
Entgegen vieler Vorurteile gibt es auch in dieser verschiedenste Wege sich Gehör zu verschaffen. Die Editors jedenfalls hängen sich Bono an die Fersen und wie ein kleines Kind provozieren sie dabei gerade so lange wie man ihnen den Schwulst noch durchgehen lässt, ohne auf eigentlich geächtete Erziehungsmethoden zurückgreifen zu wollen. Tom Smith leidet aber auch ohne Backpfeifen das ganze Album über, ab und an bleibt sogar sein charakteristischer Bariton auf der Strecke, wenn er da in höchsten Gefilden seiner Verflossenen nachtrauert. Dass die Editors ihren Chef auf weiten Teilen mit einem Streichorchester alleine lassen, dürfte wirklich Keinen verwundern.

Überraschend ist nur: Dieser Mix ist selten so spießig wie befürchtet! „What Is This Thing Called Love“ strapaziert zwar jegliche Grenzen des guten Geschmacks, sitzt aber eben doch und wenn in „Nothing“ Smiths Stimme über den Worten „every conversation within you, starts a celebration in me“ bricht, ist man auf einmal baff ob solcher Erhabenheit und es dämmert einem langsam: Die können die große Geste! Teilweise sind sie gar so nah dran an guten U2-Zeiten (ja, die gab es), dass Tom Smith nur noch nie die geschmacksbefreite Sonnenbrille zu fehlen scheint. Da funktionieren selbst eiskalt kalkulierte Stücke wie „Formaldehyde“. Vorhersehbar und platt von vorne bis hinten („never let you go, till the end of time“), keine Frage, aber einfach so verdammt catchy.

Das Erfolgsrezept ist raffiniert: Wünscht man sich beim ersten Durchgang noch nichts sehnlicher als einen kapitalen Stromausfall, ist man danach plötzlich gefangen in der Tränenorgie der Editors und will dann eben auch Drama haben. Ein Umstand, der den guten, aber eben rockigeren „A Ton Of Love“ und „Sugar“ zum Verhängnis wird. „The Phone Book“ kommt da wieder gelegener, obwohl es mit seiner folkigen Gitarre eigentlich radikal von der Marschroute abweicht. „sing me a love song from your heart or from the phone book, it don’t matter to me” Vor allem ist es der einzige Song, den man auch feiern würde, ohne vorher fleißig eingelullt worden zu sein.

Letztendlich haben Smith & Co eine Referenz also doch nicht abschütteln können: The Killers. Im Gegensatz zu diesen machen die Editors aber keinen Hehl daraus, hier bloß ein verdammt pathetisches Popalbum auf’s Parkett gezaubert zu haben, während Kollege Flowers keinen Versuch auslässt sein Gejammer zu bedeutungsschweren Politdramen hochstilisieren zu wollen.

Ergo hat “The Weight Of Your Love“ auf voller Linie versagt: Es ist genauso kitschig wie Cover und Titel suggerieren. Die Krux ist nur, das ist gar nicht schlimm! Wobei, eigentlich schon – ach, verdammt, verflucht seid ihr, Editors.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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