Eighteen Visions – XVIII

Album XVIII
Label Rise Records
Musikrichtung Metalcore
Redaktion
Lesermeinung
6

Im deutschen Sprachgebrauch ist Vision oftmals mit religiösen Erscheinungen oder Halluzinationen verbunden. Dabei wird ein bedeutender Aspekt des Wortes verkannt. Visionen zu haben bedeutet nicht zwangsweise Übernatürliches deuten zu wollen – es bedeutet ebenso die Zukunft im Blick zu haben und Neues, noch nie da Gewesenes erschaffen zu wollen. Meist hindern uns jedoch Angst und Zweifel schon im Vorfeld daran, unser ganzes Potential zu nutzen und vielleicht etwas Bahnbrechendes zu erschaffen. In den Bereichen Kunst, Kultur und Musik existiert ein besonders fruchtbarer Boden für bisweilen gar revolutionäre Neuerungen. Hier werden Visionen tatsächlich immer wieder in die Tat umgesetzt.

Als visionär erwies sich vor einigen Jahren auch der Sound der kalifornischen Band Eighteen Visions. Zusammen mit Poison The Well, Evertyime I Die und Visions Of Disorder leisteten die Kalifornier Pionierarbeit mit der Kombination von Hardcore und Metal und legten die Grundsteine für den Metalcore-Hype der 2000er-Jahre. Doch oftmals ist den Begründern eines Genres nicht der Selbe kommerzielle Erfolg vergönnt wie späteren Vertretern. Viele verweigern sich Neuem oder ändern ihren Sound grundlegend – im schlimmsten Fall bis zur Unkenntlichkeit.

Besonders von letzterem können Eighteen Visions ein Lied singen. Während sie sich in ihrer Frühphase dem metallischen Hardcore verschrieben haben und viele Bands zu ihnen aufschauten, korrigierten sie ihren Sound im Laufe der Zeit. Auf ihren heute bekanntesten Alben „Vanity“, „Obsession“ und „Eighteen Visions“ pendelt er zwischen Alternative Metal, Post-Hardcore und Screamo. Dauerhafter Erfolg stellte sich jedoch nicht ein und so löste sich die Band im Jahr 2007 auf und geriet allmählich in Vergessenheit. Vor allem in Europa kamen sie nie über den Status eines Geheimtipps hinaus. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die Reunion 2016 nur in einem kleinen Kreis für Aufsehen sorgte.

Daran wird sich auch mit „XVIII“ nur wenig ändern: Die Band hat ihren Sound nämlich schon wieder umgekrempelt – und dieser dürfte Fans der kommerziell erfolgreichen Spätphase eher abschrecken als begeistern. Denn die „neuen“ Eighteen Visions besinnen sich auf ihrem siebtem Werk wieder auf ihre Wurzeln und spielen astreinen, gelungen produzierten Metalcore der alten Schule: groovig, roh und vor heftigen Breakdowns nur so strotzend. Eine insgesamt positive (Rück-) Entwicklung. Die Zeiten, in denen sie sich dem Mainstream anbiederten und Songs für Wrestling-Shows ablieferten, sind damit glücklicherweise wieder passé.

„XVIII“ is ein ziemlich aggressives und zum Teil chaotisches Brett geworden, was schon beim Opener und zugleich besten Song „Crucified“ unüberhörbar durchscheint. Dieser gibt die Marschrichtung der folgenden 36 Minuten vor und prügelt sich kompromisslos und voller Energie in die Gehörgänge der geneigten Hörerschaft. In die gleiche Kerbe schlagen Songs wie „Underneath The Gun“ oder das weitere Highlight „Oath“. Eventuell aufkommender Monotonie wird immer wieder durch Elemente der Spätphase wie variierenden rockigen Gesang, gesprochene Passagen oder einer Prise Sludge entgegengewirkt: Schön zu hören bei „Laid To Waste In The Shit Of Men“ oder „The Disease, The Decline And Wasted Time“.

Von den Lyrics darf derweil nicht zu viel erwartet werden. Tiefgründig sind sie kaum und auch durch Kreativität bestechen sie nicht gerade. Wohl aber bieten die Zeilen Abwechslung und sind mitunter äußerst persönlich. Die Themen reichen da von purem Hass gegenüber anderen Personen („Spit“), einer Abrechnung mit der Musikindustrie („Fake Leather Jacket“) bis hin zu einem emotionalen Tribute an den 2013 verstorbenen Bassisten Mick Morris („Live Again“).

Die Eighteen Visions des Jahres 2017 verfügen nicht mehr über den visionären Sound ihrer ersten drei Alben. Auf „XVIII“ geschieht leider absolut nichts Neues und überhaupt kommt das Album einige Jahre zu spät um noch groß Staub aufzuwirbeln. Den Thron des Genres sehen die Herren ohnehin nur noch aus der Ferne. Potential hat die Platte dabei schon. Trotz seiner gleich bleibenden musikalischen Grundstruktur ist sie alles andere als langweilig oder schlecht geraten. Im Gegenteil: „XVIII“ ist ein rundum gelungenes Album und wird vor allem bei Hörern der ersten (kitschfreien) Metalcore-Generation schöne Erinnerungen wiederbeleben – oder sie sogar kurz in die Vergangenheit zurückschicken.

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