Enter Shikari – A Flash Flood Of Colour

Musikrichtung Trance
Redaktion
Lesermeinung
7

„Countries are just lines, drawn in the sand with a stick.“

Von abgedrehten Weltraumfantasien zum realitätsnahen Widerstandsauftrag: Enter Shikari glauben an die Macht der Musik. Ging es ihrem Debüt „Take To The Skies“ 2007 inhaltlich noch recht lose um Geschichtliches, Außerirdisches und Zwischenmenschliches, verwebt die Band ihren Trancecore inzwischen mit einer klaren Haltung zu Weltpolitik und dem Status Quo der Gesellschaft. Und träumt vom Zusammenhalt einer Generation, fernab von Flaggen und Landesgrenzen. Das war schon auf ihrem zweiten Longplayer Common Dreads so, und das klingt auf dem jetzt erschienenen „A Flash Flood Of Colour“ nicht großartig anders. Aber weiterhin auch verdammt gut und vor allem eigenständig.

Was die vier erst einmal eher unscheinbaren Briten da wieder in einen Kessel schmeissen, zeugt von der großen Bandbreite ihrer Einflüsse – und ihrer musikalischen Versiertheit. Schroffe Hardcore-Gitarren treffen auf zuckende Dubstep-Passagen,  mühelos wechselt das Quartett von Breakdowns zu ballerndem Techno und über zackige Punkrockriffs zurück zu hoch emotionalen Trance-Parts. Frontmann Rou springt dabei zwischen peitschenden Shouts, Cockney-Gerappe, Chorknaben-Gesang hin und her, und greift neben Synthesizer und Chaospad auch gerne zur Akustikgitarre. Dieses Klangbild ist sicher gewöhnungsbedürftig und mag erst einmal überladen wirken. Doch wer dieser ganz eigenen Dynamik einmal folgen kann, erlebt einen absolut mitreißenden Trip zwischen hysterischer Ekstase und hypnotischer Entspannung. Auch 2012 wissen Enter Shikari ihren explosiven Guitars/Electronica-Sound noch am Besten umzusetzen.

„I realized […] that the only problems that I could face would be the same problems that affect us all. But of course this sense of common existence was sucked out of me in an instance – as though from birth I could walk, but was forced to crawl.“

Die politische Message hat sich Rou Reynolds inzwischen zur Mission gemacht. Nur mit dem Finger zeigen ist nicht genug, der Mittzwanziger und seine Bandmates Rory, Chris und Rob wollen ihre Fans bewegen – und das nicht nur auf der Tanzfläche. Eskalatives Abfeiern vor allem im Sinne des gemeinsamen Spirits – während der Techno der Neunziger noch Hedo- und Nihilismus zelebrierte, machen Enter Shikari ihren aggressiven Trancecore zum Soundtrack des Widerstands: Dubbt kaputt, was euch kaputt macht. Tracks wie das schon länger veröffentlichte „Sssnakepit“, „Arguing With Thermometers“ oder „Ghandi Mate, Ghandi“ sind wütende Anklagen. Gegen gierige Konzerne, skrupellose Militärmächte, rücksichtslose Ökologie. Ein System, in dem zu viel schief läuft. Ebenso mächtig wie das Feindbild ist der Band nach die mögliche Lösung: Eine generationenumfassende Bewegung, vereint einzig in dem Wunsch nach einer besseren Zukunft, egal wo. Diese Vision zieht sich durch die ruhigeren Songs wie „Search Party“ oder „Stalemate“ – gerade in der hochkomplexen und  global vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts habe einzig und allein der grenzenübergreifende Zusammenhalt eine adäquate Widerstandskraft. „When the weight of the world is pushing down, just push right back!“

All das ist natürlich nicht neu, aber der Ansatz ungewöhnlich andersartig und ambitioniert. Dass sich hinter derart innovativer Musik auch eine so reflektierte und ehrgeizige Message verbirgt, macht Enter Shikari zu einer Ausnahmeband in jeder Hinsicht. Nur sollte das Quartett in all ihrer Schaffenskraft aufpassen, den Inhalt nicht irgendwann vor die Form zu stellen. „A Flash Flood Of Colour“ wiederholt vieles, was es auf „Common Dreads“ schon zu hören gab, musikalisch wie auch textlich. Das geschieht natürlich innerhalb des ganz eigenen Referenzrahmens und ist deshalb weiter spannend – die Frage ist nur, wie lange noch.

Für den Moment ist jedenfalls eines sicher: Punk’s not dead. He’s just gone dancing.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
Die besten Konzerterlebnisse Bier in der Hand, Gänse auf der Haut

Kommentare

  1 kommentar

  1. Sascha Schüler

    Vielleicht ganz interessant, zum politischen Background der Band und vor allem Sänger Rou: http://www.thezeitgeistmovement.com/mission-statement

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