FJØRT – Couleur

Album FJØRT
Band Couleur
Musikrichtung Post-Hardcore, Alternative, Punk
Redaktion
Lesermeinung
7

Wer glaubt, dass die genreübergreifende Begeisterung für die Band aus Aachen allein durch ein großes Promo-Budget und schicke Musikvideos ausgelöst wurde, irrt gewaltig. Seit vielen Jahren haben sich FJØRT sprichwörtlich den Allerwertesten abgespielt – mit teilweise bizarren Reiserouten durch die autonomen Zentren Europas. So erspielten sie sich nicht nur eine beachtliche Zahl von Zuhörern, sondern feilten stetig an ihrem Sound. FJØRT wissen was sie tun und das hört man auch.

Wie kaum einer anderen Band gelingt dem Trio ein spektakulärer Wildwuchs aus Postrock, Emo, Punk und einer Prise Pop. Auch wenn sich die Zutaten ihres Rezeptes, wie der markante Zerr-Bass oder der aggressive, aber melodische Gesang, bewährt haben, scheuen sich die Westfalen nicht vor Neuerungen. In puncto Gesang gibt es gleich mehrere kleine und große Veränderungen: Bassist David Frings, stimmlich bereits durch die Arbeiten seiner früheren Band Longing for Tomorrow bekannt, ist auf diesem Album deutlich mehr zu hören. Dies funktioniert besonders eindrucksvoll beim Song „Eden“ und führt generell zu einer angenehmen Abwechslung. Auch Hauptsänger Chris Hell nähert sich neuen Gefilden und wechselt vermehrt in sprechgesangartige Passagen. In den elektronisch angehauchten, flächigen Strophen von „Raison“ klingt er dabei wie der aggressive Stiefbruder von Casper.

Gleichzeitig ist dieser Song neben den oftmals vielschichtigen, manchmal vertrackten Texten der eindeutigste. Zeilen wie „Komm ins Licht, jetzt“ rufen zum aktiven Engagement gegen Rechts auf – ein Song, der nicht plakativ, aber unmissverständlich und eben auch musikalisch überzeugend ist. Generell wirkt „Couleur“ noch ausgereifter als die Vorgänger-Alben. Die Instrumente geben sich mehr Raum und loten damit die Dynamiken von ruhigen und lauten Parts extremer aus. „Windschief“ kann dabei als Paradebeispiel für das gesamte Album herhalten. Das musikalische Spektrum zwischen Aggression und Zerbrechlichkeit wird in weniger als vier Minuten beeindruckend aufgezeigt.

FJØRT sichern ihren Status als feste Institution im deutschen Post-Hardcore. Dazu gehört auch ihr großes Potential, Zuhörer zu gewinnen, die sich für gewöhnlich nicht in eben jener Szene bewegen. Besonders weil sie sich anderen Genres ohne Angst vor der Szenepolizei öffnet, bleibt FJØRT eine der aufregendsten Bands dieses Landes.

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Berichte
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