Flash Forward – Revolt

Album Revolt
Musikrichtung Alternative
Redaktion
Lesermeinung
7

Seit Jahren sind Flash Forward aus der Alternative-Rock-Landschaft Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Scheinbar immer mit neuer Musik im Gepäck waren sie auf den Bühnen etlicher Venues zuhause und fester Bestandteil vieler Festivals, und doch, aus der Geheimtipp-Ecke sind sie trotzdem aus welchem Grund auch immer nie herausgekommen. Mit „Revolt“ in der Hinterhand werden diese Tage nun aber bald zur Vergangenheit gehören – ihr neues Album hat alles, was man braucht, um etliche Herzen zu erobern und Fans einzusammeln wie Ratten in Hameln. Fast schon traurig eigentlich, dass ihr erstes Album als Trio und ohne Sänger und Gitarrist Florian Blaswich ihr bisher mit Abstand bestes ist.

Vor gut einem Jahr hat das Gründungsmitglied Adieu gesagt und die Frage aufkommen lassen, wie Flash Forward nur ohne die markige Stimme klingen würden, die vieler ihrer Songs erst zu kleinen Hits hat werden lassen. Kurze Zeit später erschien mit „Perfectionist“ dann nicht nur die erste Single des neuen Albums, sondern generell der erste Output als Trio und die Unsicherheit und Sorge lösten sich in Rauch auf. Klar, ein ganz konkretes Zeichen dafür, dass die Band sich als Dreiergespann nicht verstecken muss, war der Song nicht, da Blaswich immerhin noch wegweisend daran mitgeschrieben hat. Dennoch war ab diesem Moment klar, dass die Truppe musikalisch auch ohne ihn wunderbar funktioniert – und das sogar sehr gut! Mit gesanglichem Support seitens To The Rats And Wolves haben Flash Forward eine ganz neue, sehr interessante Seite von sich gezeigt: Experimentell, modern und ohne Scheu davor, Risiken einzugehen. „Revolt“ könnte nun das Sinnbild und die Definition von „Vielseitigkeit“ sein.

Opener „Heart Of Gold“ wird bestimmt von harten, drückenden Bassriffs. Gleich zu Beginn werden so keinerlei Kompromisse gemacht, wird sich nicht zurückgehalten aus Scheu, man könnte irgendwem auf die Füße treten. Unbequem sind sie dabei zwar nicht, aber direkt und trotz starker Pop-Rock-Attitüde so dreckig, wie man damit nun einmal sein kann. Hier treffen Gegenteile und Kontraste aufeinander, die buntvermischt Altbekanntes in frischem Licht erstrahlen lassen. Flash Forward beweisen die Großartigkeit des so umstrittenen und von vielen nicht ernstgenommenen Genre des Alternative-Rock mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und Spielfreude. Nicht ein Song ähnelt dabei dem anderen.

Stehen bei „Paralyzed“ die Akzente im Vordergrund, zeigt sich „Lion“ kurz darauf in einem nur als ästhetisch zu beschreibendem Gewand. Eine ruhige und dezent kitschige Ballade, deren starke Anziehung aber auch nach etlichen Durchläufen nicht nachlässt. „Kickstart“ ist dann mit seinen vielen Wandlungen das Zeichen, dass Pop-Rock-Ähnliches nicht automatisch vorhersehbar sein muss: Beginnt der Track mit ähnlichen Akzentuierungen wie „Paralyzed“, entwickelt er sich nach und nach weiter, langsam zwar, aber sicher und kontinuierlich. Damit das Melodische hier aber die Oberhand gewinnt, braucht es schon seine Zeit. Immer wieder wird es versucht, immer wieder wird es vom harten Bass zurückgedrängt. Endlich macht aus diesem Genre wieder etwas richtig Spaß. Und das war noch nicht einmal alles!

Als wäre das spannende Feature bei „Perfectionist“ noch nicht genug, haben sich Flash Forward für „Payback“ gleich noch eins organisiert. Bei dem wahrscheinlich rotzigsten Punkrock-Song ihrer Laufbahn werden sie von 8Kids unterstützt – auf Deutsch! Vergleichen lässt sich das Spektakel ganz wunderbar mit „How Should I Know“ von den Blackout Problems, die dort stimmlich von Heisskalts Mathias Bloech unterstützt werden. Jeweils sehr unterschiedliche Sänger mit unterschiedlichen Ansätzen und unterschiedlichen Stimmfarben. Eigentlich „dürfte“ das gar nicht funktionieren, und doch tut es das – sogar ganz wunderbar. Und als könnte es gar nicht anders sein, verpassen daraufhin auch „One Way Track“ und „Old Enough“ ihre Chance, als Enttäuschungen deklariert zu werden und überzeugen kinderleicht mit poppigem Alternative-Rock. „Recovering“ schließt mit seinem flotten Tempo schließlich den Kreis und entlässt den Hörer dort, wo „Heart Of Gold“ etwa 40 Minuten vorher angesetzt hat. Allerdings ein bisschen weniger auf Bass getrimmt.

Zu viert haben Flash Forward angefangen. Vier Freunde, die – natürlich neben anderen Bands – die Hoffnung auf eine strahlende Alternative-Rock-Zukunft erstarken ließen. Höhen und Tiefen haben sie zusammen durchgemacht und mit ihrer Professionalität immer ihren enormen Ehrgeiz bewiesen. Als Trio zeigt sich die Band jetzt stärker als jemals zuvor; vielseitiger, moderner und mit mehr Charakter. Ein kleines Problem gibt es bei „Revolt“ allerdings doch: So viel Gutes auf einem Schlag kann sehr schnell anstrengend und zu einer kleinen Überforderung seitens des Hörers werden. Welch Luxusproblem.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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