Foals – Everything Not Saved Will Be Lost Part 1

Band Foals
Label Warner
Musikrichtung Indie, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
6

Gut acht Monate lang habe er die Gitarre links liegen lassen, gestand Yannis Philippakis kürzlich dem Independent. Nach ausschweifenden Touren waren die Prioritäten einfach anders gelagert: Ausspannen mit Freundin und Katze im heimischen Garten stand auf dem Programm, dann und wann unterbrochen von ein paar Trips zum Vater in Griechenland.

Wahrscheinlich war eine stattliche Auszeit für die hochbegabten Briten auch bitter nötig. Schließlich macht Philippakis kein Geheimnis daraus, dass sie auf Tour alles andere als abstinent leben  „Wir haben noch nie einen Gig stocknüchtern gespielt“, gab der Frontmann einmal zu Protokoll. Ende 2017 wurde es Walter Gervers dann offenbar zu bunt. Der Bassist wollte noch mal das normale Leben außerhalb des wilden – und feuchtfröhlichen – Foals-Kosmos kosten, hieß es. Eine Trennung im Guten, das beteuern alle Beteiligten. Doch wenn ein Gründungsmitglied nach zwölf gemeinsamen  Jahren von Bord geht, hinterlässt das zwangsläufig Spuren.

„Wir konnten nicht mehr arbeiten wie früher“, so Philippakis. Die Folge: Der klassische Dreiklang Gitarre, Bass und Schlagzeug hatte ausgedient. Auf vier Köpfe geschrumpft sind die Oxforder auf die Synthies gekommen. Es ist ja gerade en Vogue sich das Studio bis an die Decke mit sperrigen Synthesizern vollzustellen. Da dürfen Indie-Vordenker natürlich nicht hinterherhinken. Waren sie bislang ein gern gesehener Farbklecks im bunten foalschen Stil-Mix, avancieren sie jetzt zum Hauptdarsteller. Frontmann Philippakis ist vom neuen Einschlag derart begeistert, dass er seine Band gar auf einem „kreativen Höhepunkt“ wähnt. Die Interpretation muss man nicht teilen. Gleichwohl sprudelten die Songs förmlich aus dem Quartett heraus, sodass kurzerhand ein Doppel-Album zu Buche stand. All die Euphorie ob der kathartischen Erfahrung nach Gervers Abschied, hat sich allerdings nicht auf Part eins niedergeschlagen.

Folgen des Klimawandels, grassierender Populismus oder latente Terror-Gefahr, die regelmäßigen Schreckensnachrichten haben Yannis Philippakis aufs Gemüt geschlagen. Und als Bürger des gerade ziemlich uneinigen Königreichs bekommt man ja auch noch den Brexit-Zirkus hautnah mit. Philippakis Diagnose – der Gesellschaft fehle derzeit vor allem ein vereinendes Wir-Gefühl – ist da ebenso treffend wie vorhersehbar. Das Problem beschränkt sich schließlich nicht auf die grüne Insel. Die Lage ist ernst, zum Glück aber nicht so ernst, dass die Foals nun ein Album mit salbungsvollen Weltenrettungspredigten geschrieben haben. Was würde bloß Bono sagen?

Nein, bei den Kritiker-Darlings vom Dienst geht es weiterhin herrlich vertrackt zu. Die Math-Rock-Gitarren blieben die meiste Zeit zwar im Schrank, dafür punktet „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ mit tanzbaren Beats, einer aberwitzig-opulenten Klangvielfalt und ausgefeilten Stadion-Stürmern. Einmal mehr reizen die Foals ihre Karten komplett aus. Avantgarde verpflichtet eben – und wenn es hart auf hart kommt, hilft auch mal eine Kuhglocke aus.

Zunächst zelebrieren sie aber ihre neue entflammte Liebe und überlassen den fleißig-blubbernden Synthies im Opener („Moonlight“) freimütig das Feld. Selbst Philippakis bleibt ob dieses mächtig dahinwabernden Klangteppichs nur die Statistenrolle. Eine ungewohnte Erfahrung für die passionierte Rampensau. Doch schon auf „Exits“ darf er wieder Schalten und Walten.

„Now the sea eats the sky, but they say it’s a lie and there’s no birds left to fly, we’ll hide out“

Harter Tobak, musikalisch ist das Stück freilich ein Leckerbissen, obgleich zwei Minuten zu lang. Gewandt tänzelt es dahin, als würden die Herren so dem ganzen Stadion verdeutlichen wollen, welch wundervolle irdische Vielfalt bedroht ist, wenn wir nicht konsequent handeln. So kommt „Exits“ auch als eine drastische Botschaft an Klimawandel-Skeptiker daher. Derartige Horror-Szenarien haben es den Herren scheinbar angetan. Denn „Sunday“ liefert die dystopische Fortsetzung von „Exits“, getreu dem Motto: Der Karren ist eh an die Wand gefahren, jetzt lasst uns wenigstens ein bisschen Spaß haben, solange es noch geht. Träge-schwelgend ergeht sich Philipakis in seinem Weltenends-Lamento bis sich der Song zum treibenden Stadion-Rocker mausert.

“When all is said and all is done, our fathers run and leave all the damage, they’ve done behind, feft us with the blind leading the blind and time has come and time is done, cities burn, we don’t give a damn, ’cause we got all our friends right here, we got youth to spend”

Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, sinniert Philipakis in „Syrups“ auch noch über eine zukünftige Herrschaft der Roboter. Die Chose wird auf Dauer durchaus anstrengend und könnte den Gesamteindruck von „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ arg schmälern, würden die Foals nicht verlässlich ihre musikalische Extra-Klasse ausspielen. So auch auf „Syrups“: Allein der omnipräsente Synthie-Bass macht schon süchtig. Doch was das Quartett abliefert, wenn es ab der Hälfte einen Gang hochschaltet, ist schlicht meisterhaft. Der Alarmismus aus den Texten infiziert die Musik und ab geht die wilde Fahrt. Konventionelle Song-Strukturen haben die Briten ja noch nie sonderlich gereizt.

Anders verhält sich das mit bissigen Gitarren-Parts, die aber haben es auf „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ schwer. Das einsame „White Onions“ wird die Fans satter Riffs kaum nachhaltig zufrieden stellen können. Eine willkommene Abwechslung ist es zweifellos. Selbiges gilt für den zappeligen Ohrwurm „On The Luna“, wie der etwas sanftere Bruder im Geiste („My Number“) strotzt der Song nur so vor clever austariertem Pop-Appeal. Die ominöse Kuhglocke hätte es allerdings nicht unbedingt gebraucht für einen gelungenen Mix aus alter und neuer Foals-Welt.

Das unschlüssige „Cafe D’Athens“ kommt mit seinen klimpernden Glockenspiel-Reminiszenzen hingegen arg krude daher. Dann lieber schnell mit „In Degrees“ in die Disco abziehen. Der stampfende House-Beat und eine ordentliche Portion Hall auf Philipakis‘ Stimme machen ihre Sache nämlich bestens. Da sind die Weltuntergangsorgien auf einmal ganz weit weg.

Und wem das als gute Nachricht noch nicht reicht: Auf Part zwei im Herbst sollen wieder die charakteristischen Brecher-Gitarren das Ruder übernehmen. Es gibt wahrlich schlechtere Aussichten.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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