Foals – What Went Down

Band Foals
Label Warner
Musikrichtung Indie, Hard Rock, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
7

Jede up-and-coming-Galerie in Berlin dürfte „What Went Down“ bereits jetzt für die nächste Vernissage-Playlist vorgemerkt haben. Den mittellosen artsy kids mag das bisweilen nicht Indie genug sein, aber irgendwer muss die Party ja bezahlen. Und auch noch so überschwänglich-quietschende Dankes-Oden an den Allmächtigen sind da leider nur indirekt eine Hilfe (plus auf Dauer ziemlich anstrengend). Nein, die neue Bourgeoisie, die jungen Kreativen, 30 plus, ohne Interesse am Bausparvertrag, dafür aber mit Kunst-Faible und – entscheidend – Einkommen, das den Namen verdient, ja, die gilt es ebenfalls einzusacken. Kein Kompromiss taugt dazu aktuell besser als die Foals.

Das Quintett aus Oxford ist die vielleicht talentierteste Band ihrer Zunft. Besonders bei all jenen, denen das Label „Indie“ heute viel zu inflationär benutzt wird, werden sie bisweilen vergöttert. Dass Frontmann Yannis Philippakis sich auch mal dazu hinreißen lässt, David Guettas Schaffen wenig galant als „Abscheulichkeit“ zu brandmarken, dürfte diesem Umstand nicht abträglich sein. Vor allem aber feiert sie der elitäre Zirkel natürlich ob ihrer Musik. „Antidotes“ war das pure Math-Rock-Chaos und ein Feldzug gegen alle Konventionen. Avantgarde eben. Das kam an. Doch hängen Philippakis & Co nicht der Unart nach, ewig jung wirken zu wollen. Viel zu tatendurstig, um sich selbst zu kopieren sind sie ohnehin. Entsprechend zieren ihren weiteren Weg mondäne Meisterwerke wie „Spanish Sahara“ oder „Inhaler“. Und wenig überraschend hatten sie auch diesmal überhaupt keine Lust hinter „Holy Fire“ zurückzufallen. Der „Cassius“-Virus hatte seine Zeit, doch heute grüßt er aus dem Archiv. Anarchisten aber sind sie bis heute geblieben. Verdammt brillante noch dazu.

„When I see a man, I see a lion!“
Wie das Raubtier, was Philippakis im tiefsten Innern eines jeden Mannes ausmacht, pirscht sich gleich zur Eröffnung der Titeltrack an: ein fiebrig-hetzendes Etwas, lüstern gierend nach dem Kick der erbarmungslosen Jagd. Während der Frontmann eifrig keift, prügelt der Rest mit animalischer Energie ein wahres Hardrock-Monster runter. Dagegen wirkt selbst das famose „Inhaler“ beinahe wie ein Gute-Nacht-Lied. Derart ungeschliffene Aggressivität kannte man bislang nicht in Oxford. Entsprechend hallen die beißenden Riffs auch noch nach, bis „Mountain At My Gates“ die Bühne betritt und das Tier im Mann prompt kultiviert: Das poppige Melodiewunder gibt locker-flockig den krassen Gegenpart. Vorhersehbar war der Fohlenstall bekanntlich noch nie gern. Was bei so viel Verve aber beinahe unter den Tisch fällt: Philippakis durchstreift die Schattenseiten des Fohlen-Daseins. „I see a mountain at my gates, I see it more and more each day, what I give, it takes away, whether I go or when I stay”. Immer wieder wirft „What Went Down” das Thema auf. Da passt es in Bild, wenn der 29-Jährige im furiosen Finale von „Mountain At My Gates“ inbrünstig “Gimme my love!“ fleht.

Zwischen Airport-Lounge und ICE wird das Leben schnell zum flüchtigen Kurzfilm. Offenbar ist es auch den Foals auf den Magen geschlagen, allein vom Ehrgeiz getrieben die Welt zu bereisen – überall willkommen, aber nirgendwo zu Hause. Rastlosigkeit kann eben unschön werden. Wie sie das ganze in Musik fassen ist dafür umso besser: „London Thunder“, der Jetset-Blues schlechthin, wird so zum heimlichen Star der Platte. Heimlich deshalb, weil er für foalsche Verhältnisse beinahe primitiv ist: ein sachter Beat, schwere Pianoklänge, kann an sich jeder – die Wirkung ist trotzdem überwältigend. Eine wohl gewählte Portion Wehleidigkeit steht Yannis Philippakis auch einfach zu gut zu Gesicht:

„Now the tables turned, it’s over, with my fingers‘ burn I start a new. Now I’ve come back down, I’m older, I look for something else to hold on to”

Allzu furchtbar scheint das Banddasein insgesamt aber doch nicht zu sein. So glänzt „Birch Tree“ mal eben nonchalant mit einer hip-hop-artigen Lässigkeit, als wolle es seine Geburtsgeschichte untermauern: Angeblich ist das Stück Spontanprodukt eines leicht verkaterten Soundchecks. Obwohl musikalisch bis ins tausendste Detail unverschämt brillant, kauft man dem Quintett das irgendwie ab. Auch „Night Swimmers“ ist, obwohl vermutlich in Abstinenz entstanden, ein munter-flimmerndes Melodiefestival geworden. Unheimlich tanzbar und abermals mit einem Ende zum Zunge schnalzen. Ihren Werken einen Ausstieg der Extraklasse zu verpassen, scheint mittlerweile das absolute Lieblingshobby der Herren zu sein. Das aufgeflammte Faible für kernige Rock-Riffs ist dem wie durch Zufall auch recht dienlich.

Allein geht die harte Kante aber nur im Titeltrack auf: Der staubige Rocker „Snake Oil“ ist viel zu breitschultrig geraten. Zumal Philippakis im Streben nach dem richtigen Rock-Star-Vibe hörbar das Texten vernachlässigt hat. Ein Fauxpas, der Give It All“ und „Lonely Hunter“ nicht befallen hat. Allerdings sind sie dafür musikalisch dermaßen bieder, dass sie hinter den Großtaten kaum Gehör finden. Mit der eigenen Krönung wartet „What Went Down“ ohnehin bis ganz zum Schluss: „A Knife In The Ocean“ ist eine bestechende Bewerbung für die Arenen dieser Welt. Erhaben hallend bricht Philippakis Stimme irgendwo aus weiter Ferne durch den opulenten Rock-Epos seiner Mitstreiter und verheißt Großes.

“And now our parents are long departed, who can finish the songs they started? Bodies are broken, but it’s just a token, of what is surely to come!”

Der unbescheidene Rock-Star-Gestus scheint es den Foals angetan zu haben. Zweifellos würde ihr Charisma-Bolzen von Frontmann als solcher auch ein exzellentes role model abgeben. Glücklicherweise hat sie die Aussicht aber nicht komplett übermannt. Denn eindimensional wären die Foals nur halb so gut. Ihr bestechendes Melodiegespür, die radikale Raffinesse – beides bekommt genügend Raum auf „What Went Down“. Gepaart mit dem Hard-Rock-Flirt sitzt so auch die nächste neue Seite der Indie-Wunderkinder. Und je nachdem welches Stück gerade läuft, muss der Sektkorken in der Galerie eben etwas lauter knallen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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