Frank Turner – Be More Kind (Doppelreview)

Album Be More Kind
Musikrichtung Pop, Singer-Songwriter
Redaktion
Lesermeinung
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Wie schafft man es als Singer/Songwriter in einem so hoffnungslos überschwemmten Genre auch mit dem siebten Album noch relevant zu bleiben? Mut zur Veränderung lautet die Devise von Frank Turner auf „Be More Kind“.

Turner ist schon lange nicht mehr der unbekannte Brite, der im Zug allein durch England tuckert und vor ein paar Kennern seine Songs trällert. Der Songwriter aus Winchester ist international erfolgreich und hat das Wembley Stadion in London ausverkauft. Dank seiner charismatischen Ausstrahlung und seiner persönlichen Texte gelang es ihm dennoch scheinbar mühelos, für viele „der nette Frank von nebenan“ zu bleiben.

Auffällig ist, dass Turner auf „Be More Kind“ die Perspektive wechselt. Waren es früher persönliche Texte über Ängste, Beziehungen und Selbstzweifel, nimmt der auf die 40 zugehende Engländer die Außenperspektive ein. Die Welt habe den Verstand verloren und die einzige Antwort lautet „kindness“. Der Titelsong ist ein erschöpfter Appell, der mit zurückhaltender Instrumentierung so unaufdringlich die Ohren passiert, dass man seufzend zustimmen möchte.

„In a world that has decided, that it’s going to lose its mind, be more kind, my friends, try to be more kind“

Unüberhörbar ist außerdem, wie Turner auf dem Album diverse Genres vereint: Das mitreißende, punkige „1933“, die etwas uninspiriert wirkende Anti-Trump-Pop/Rock-Hymne „Make America Great Again“, dahinplätschernde Country-Songs wie „Going Nowhere“ oder auch aalglatte Pop-Songs wie „Little Changes“ offenbaren die Stärken und gleichzeitig die Schwächen des Albums. Frank Turner hat sich merklich aus seiner musikalischen Komfortzone bewegt und ein abwechslungsreiches Album geschaffen, das mit elektronischen Sounds experimentiert und des Öfteren die Akustik-Gitarre links liegen lässt. Was fehlt, ist ein roter Faden auf dem qualitativ und stilistisch sehr heterogenen Langspieler. Die deutliche Haltung für mehr Respekt, mehr Austausch und weniger Hass ist hingegen unmissverständlich. Dennoch ist die Freude groß, wenn zwischendurch noch „alten Frank“ grüßt und mit Songs wie dem berührenden „There She Is“ etwas mehr Nähe zulässt.

Frank Turner sucht also weiterhin seinen Platz irgendwo zwischen Eckkneipe und Stadion. Dabei macht er es sich nicht leicht und erkundet textlich und musikalisch für ihn bis dato unerkannte Terrains. Das Ergebnis sind ein paar wenige eher durchwachsene und ein paar mehr herausragend gute Songs. Frank Turners Reise bleibt weiterhin spannend.

(5/8) – Lennart Sörnsen
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Diese Songwriter, die aus dem Punkbereich gekommen sind und jetzt die ruhige Schiene fahren, ja davon gibt es so einige. Aber was Frank Turner einem Brian Fallon, einem Dave Hause oder einem Chuck Ragan voraus hat, ist der kommerzielle Erfolg. Anders herum kann man aber auch sagen, dass Besagte anscheinend aber mehr Herz für die Sache aufbringen und nicht alles dem Kommerz unterordnen.

So hatten ältere Werke des Briten noch einen schicken rauen Charme, aber was Herr Turner auf seinem mittlerweile siebten Silberling zum Besten gibt, das klingt so sauber, wie mit Perwoll gewaschen. „Be More Kind“ fängt auch gleich sehr süß an. „Don´t worry if you don´t know what to do“, das klingt so einfallslos, wie leider sehr viel auf diesem Album.

Man hatte ja schon bei ein paar Songs das Vergnügen, sie vorab zu hören. Einer davon war das recht punkige „1933“. Flott, rockig und leicht verzerrt kommt dieser wirklich, als eine der wenigen Ausnahmen, daher, die sich etwas vom extremen Popsound abheben.

Diesen besagten Popsound bringt „Little Changes“ dann ganz deutlich in die Lautsprecher. Aber was soll eigentlich dieses Jammern? Schließlich hatte Frank Turner auch angekündigt, dass es einen Stilwechsel geben solle und dass er sich aus seiner Komfortzone heraus bewegen wird. Und zu 50 Prozent hat er ja auch Wort gehalten.

Die Instrumentalisierung ist reichhaltiger geworden, der ganze Aufbau, die Abmischung, das ist alles noch einmal eine Spur professioneller und ja, mainstreamiger, als zuvor. „Make America Great Again“ ist der nächste Song, der einen weiteren, angekündigten Aspekt dieses Albums offenbart. „Be More Kind“ hat nämlich einige sozial engagierte und politisch motivierte Songs auf Lager, so zumindest war es angekündigt worden.

„Let´s make America great again, by making racists ashamed again.“

Aber leider ist das auch schon alles. Man merkt auch hier, dass sich Turner nicht mehr so recht trauen will, etwas aggressiver vorzugehen. Dem Kampf gegen Rassismus könnte man schon etwas mehr entgegen bringen. Aber wenigstens bezieht er Stellung.

Im Allgemeinen gehen die 13 Songs aber runter wie Öl, sind so komplett ohne Ecken und Kanten und sind größten Teils bestimmt gut für Liebesszenen in irgendwelchen Teeniefilmen zu verwenden oder als Hintergrundmusik für Tierdokus, weil sie so gut nebenbei laufen, dass die Aufmerksamkeit beim Schauen nicht gestört wird.

Wer also bisher Fan vom Schaffen Turners war, der kann sich durchaus auch dieses Album zulegen, aber wie glücklich es einen macht, das sei dahin gestellt. An „Tape Deck Heart“ oder „Positive Songs For Negative People“ kommt es jedenfalls bei Weitem nicht ran. Hoffentlich behält Frank Turner wenigstens seine hervorragenden Livequalitäten.

(3/8) – Tobi van den Wildmannen

Autor Tobi van de Wildmannen
Wohnort Tacherting
Beruf Monteur (Mobilfunk)
Dabei seit September 2016
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