Fucked Up – Dose Your Dreams

Band Fucked Up
Musikrichtung Punk
Redaktion
Lesermeinung
7.5

Mit ihrem fünften Studioalbum „Dose Your Dreams“ bereiten Fucked Up dem Protagonisten ihres 2011er Konzeptalbums „David Comes To Life“ ein Comeback der besonderen Sorte. Ausschweifend, versiert und größenwahnsinnig schicken die Kanadier ihren Helden auf eine Reise durch die Schattenseiten der Realität. Willkommen im Zirkus des Lebens.

Eigentlich sind Fucked Up keine Band für Alben. Schaut man sich hingegen an, was sie bisher an Singles, EPs, Demos, Mixtapes, Splits und Tapes veröffentlicht haben, keimt schnell der Gedanke auf, dass sich diese Combo eher dem Kurzformat verschrieben hat. Manchmal darf’s dann aber auch Etwas auf Albumlänge sein – und wie ausartend das werden kann, zeigten sie bereits 2011, als sie David auf seine erste Reise geschickt hatten. Nun darf er wieder neue Abenteuer erleben, um genau zu sein 18 an der Zahl. Und die spiegeln die 18 Kapitel von James Joyces „Ulysses“ wider. Klar, dass man sich so ein Album nicht mal eben aus dem Ärmel schüttelt. Eineinhalb Jahre verschanzten sich die Kanadier im Studio, um diesen Brocken zu kreieren. Kein Wunder konnten Fans in dieser Zeit auch nicht mit kleineren Veröffentlichungen rechnen.

Mit sanften Klavierklängen und sphärischen Chören wird auf „Dose Your Dreams“ die Geschichte eingeläutet, die für die nächsten knapp eineinhalb Stunden fesseln soll. Und das bringt von Anfang an jede Menge Freude, wenn nach (wieder einmal) eineinhalb Minuten Fucked Ups Frontmann Pink Eyes in wildem Punkspektakel losbricht. Da ist sofort Dynamik drin. Ein heiteres Wirrwarr aus sich überschlagenden Drumbeats, hyperventilierenden Gitarren und durchdrehenden Chören – und ja – natürlich kommt dann noch irgendwo ein Saxophon her. Es ist ja noch nicht genug Jubel-Trubel-Heiterkeit. Eine euphorische Einleitung, die bald auch ihr ruhiges, psychedelisches Gesicht zeigt („Normal People“), einem Dreck in die Fresse wirft („Mechanical Bull“) und in poppiger Elektromelancholie („Dose Your Dreams“) versinkt. „Dose Your Dreams“ ist einer dieser nie enden wollenden Träume, die einen durch alle Höhen und Tiefen der menschlichen Seele jagen, einen am Ende schweißgebadet aufwachen und die Frage stellen lassen, ob das jetzt wirklich passiert ist („Joy Stops“).

War auf „David Comes To Life“ noch ein wenig Zurückhaltung zu spüren, ziehen Fuckep Up jetzt alle Register und bannen eine Vielfalt auf dieser Platte, die kein Halloween-Kostüm-Wettbewerb toppen könnte. Hier wird mit Genres um sich geworfen als wären es Karnevalskamellen. Die Kanadier zelebrieren ein Leben im musikalischen Überfluss. Das kann man übrigens auch über die mitwirkenden Künstler auf der Platte sagen: Lido Pimienta, Miya Folick (Tinder), Mary Margaret Ohara, J Mascis (Dinosaur Jr), Ryan Tong (Shit) und Jennifer Castle ließen es sich nicht nehmen, an diesem Mammutprojekt mitzuarbeiten. Dazu gibt es Streicher-Arrangements von Owen Pallett und Produktionen von Shane Stoneback, Orphyx, Matt Tavares (Badbadnotgood) und Graham Walsh (Holy Fuck). Ein Potpourri, das man sonst auf Punkplatten eher vergeblich sucht. Aber Fucked Up waren ohnehin noch nie normal.

Bei all der Detailverliebtheit und dem Hang auszuschweifen, behalten Fucked Up aber immer den roten Faden im Kopf und verwunden, vor allem mit diesen einzigartigen Aha-Momenten, in denen man sein Herz an diese Platte verliert. Da ist beispielsweise das unverschämt eingängige Solo in „Normal People“ mit der Zerre auf Anschlag, der umwerfende Gastbeitrag von Jennifer Castle und J Masics, der ja schon mit Schlafzimmerstimme geboren zu sein scheint, und der engelshoch singende Kinderchor in „I Don’t Wanna Live In This World Anymore“, der ohne Umschweife „I Don’t Wanna Live In This Fucking World Anymore“ zum Besten gibt. Muss man dazu noch mehr sagen? Nein! Muss man reinhören? Ganz gewiss – oder wie man im Zirkus sagen würde: Hereinspaziert, hereinspaziert!

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben Joanna Newsom - Y's | Propagandhi - Today's Empires, Tomorow's Ashes | At The Drive-IN - Relationship of Command
Die besten Konzerterlebnisse Iggy Pop | ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead | NOFX | Escapado | Propagandhi

Hinterlasse einen Kommentar