Great Escapes – Shivers And Shipwrecks

Label Uncle M
Musikrichtung Emo-Punk, Punkrock
Redaktion
Lesermeinung
8

Great Escapes, das sind die sympathischen Jungs aus der Nachbarschaft, die mit der Musik der ländlichen Tristesse entfliehen wollten. Weg vom Dorf, hinaus aus der Kleinstadt und ab ins Getümmel, das man auch „Leben“ nennt. Zwei Jahre nach ihrem Debütalbum „To My Ruin I’ll Go Gladly“ schreiben Frederik Tebbe, Maik Osterhage und Maik Pohlmann das nächste Kapitel. Die Überschrift: „Shivers And Shipwrecks“. Nach dem Album kommt nun die EP. Bei den meisten Bands ist das Gegenteil der Regelfall, doch bei Great Escapes ist manches eben einfach anders – wie sie selber so schön sagen: „Wir haben ja keine Ahnung, was wir da eigentlich tun“. Dorfpunks wie aus dem Regelwerk. Und dabei haben sie diese Zeit doch inzwischen hinter sich gelassen.

„Shivers And Shipwrecks“ klingt nach einer Band, die sich genau überlegt hat, wohin die Reise gehen soll, nicht nach einer, die einfach schreibt und schaut, was passiert. Die fünf Songs sind klar strukturiert, verständlich und haben Charakter – das war zwar auch schon bei „To My Ruin I’ll Go Gladly“ ein ums andere Mal der Fall, doch die vollere, schlicht bessere Produktion stellt dies nun auf gesamter Länge ins Licht. Alles kommt nun besser zur Geltung; Druck, Härte, Leichtigkeit und ganz besonders die Energie – die auf der EP in den verschiedensten Facetten Platz findet.

Im Opener „The Walking Deadline” treibt Drummer Pohlmann seine Mitspieler immer wieder an. Höher, schneller, weiter. Kein Zurück – ganz getreu des textlichen Inhalts. Und doch – ebenfalls passend – findet die Energie keinen Abschluss. Sie ist spürbar da, wird jedoch nie vollends entladen. Der große Knall lässt bis zum Nachfolger „Noisy“ auf sich Warten – und kommt dann mit voller Wucht. Der Emo-Punk wird zu Skatepunk und das Trio muss sich hörbar zurückhalten, es an dieser Stelle nicht zu übertreiben. Ohne die zumindest vergleichsweise ruhigeren Strophen und die Bridge würde sich hier ansonsten wohl alles überschlagen. Herrlich, dass heute so etwas noch geschrieben wird und es nicht gleich wie ein Wehmutstropfen an die 90er klingt. „Let It Ache“ ist daraufhin wieder eine Spur ruhiger. Langsamer, eindringlicher. Erinnert bei genauem Zuhören zuweilen an „The Walking Deadline“, bietet mit der titelgebenden Zeile „let it ache“ auch das Sing-along auf „Shivers And Shipwrecks“.

Great Escapes‘ größte Stärke kommt allerdings erst bei „Antiartikulation“ zur Geltung. Fanden mit „X“, „Doppelleben“ und „Ruhig Blut“ schon auf ihrem Album drei deutschsprachige Lieder ihren Platz, sollte dieses Merkmal auch auf der EP nicht fehlen. Zum Glück, denn so mitreißend und catchy ihre englischen Texte auch sein mögen, in ihrer Muttersprache können sie sich noch geschickter ausdrücken. Ihre Liebe zu Thorsten Nagelschmidt und Muff Potter ist kaum zu übersehen. „In unseren Kellern sind keine Leichen, wir haben sie alle verbrannt. Und die Asche unter den Teppich gekehrt als hätten wir sie nie gekannt. Da schlägt was bis zum Hals und es ist so egal, was es ist, so lange es schlägt und schlägt und schlägt und die Augen endlich offen sind. Dann muss es gehen. Laufen lernen. Und Atmen. Umfallen und aufstehen.“ Dass an dieser Stelle nicht Tebbe, sondern Osterhage die Überhand am Mikro hat, lässt den frischen Wind noch stärker wehen.

„Doves Of Winter“ schließt „Shivers And Shipwrecks” daraufhin mit Midtempo Emo-Punk ab. Schließt den Kreis zu „The Walking Deadline“, baut sich ebenso immer wieder auf und ab. Will partout kein Ende finden, weiß aber, dass es irgendwann so weit sein muss und geht so schließlich nochmal in die Vollen, um nur allzu plötzlich die Stille einkehren zu lassen.

„To My Ruin I’ll Go Gladly” war ein gutes Punkrock-Album, das man gerne seinen Freunden zeigt. Das Zeichen, dass vom Lande nicht nur Pogo-Punk kommen muss, sondern es auch Leute gibt, die hinterfragen. „Shivers And Shipwrecks“ folgt diesem Weg; geht ihn weiter. Emo-Punk, der auf die Straße gehört.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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