havarii. / NAECHTE – Tremor Split EP

Label DIY
Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
8

Die Hamburger um havarii. und die Münchner Band NAECHTE bitten auf ihrer gemeinsamen Split EP „Tremor“ zum Nord-Süd-Gipfel im Post-Hardcore – mit Herz und Hirn. Eine tolle Chance für die zwei aufstrebenden Bands, ihre Songs einem breiten Publikum vorzustellen. Bei aller Freundschaft, die die Gruppen füreinander hegen, ist man als Hörer allerdings ja meist doch nicht ganz so unvoreingenommen – und sucht nach der Nasenlänge, die eine Combo vor der anderen liegt.

Vier Songs – Zwei Bands – Eine Scheibe. So kündigte die Band aus dem tiefen Süden Deutschlands das gemeinsame Machwerk unlängst an – und beide Gruppen können sich, so viel schon mal vorweg, was die hohe Qualität ihrer Songs angeht, die Hand geben. Denn diese Split braucht auch den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Da scheint es fast kein Zufall zu sein, dass beide Bands nahezu dieselbe Spielzeit auf der Platte bekommen – nämlich rund neuneinhalb Minuten.

Los geht’s mit den Hamburgern. Ihr Song „Vermessen“ schafft einen richtig starken Auftakt. havarii. spielen ihren Post-Hardcore mit viel Druck, Konsequenz und einem guten Gespür für Wendungen und Tempoänderungen. Dazu brilliert das ausbalancierte Wechselspiel zwischen männlichen und weiblichen Vocals. Und die sind auch textlich gesehen hervorragend – allerdings auch hier wieder von beiden Bands.

Beide Gruppen legen viel Wert darauf, dass ihre Texte nicht nur nettes Beiwerk zu den Instrumentalkünsten sind. Sie prangern den schwindenden Zusammenhalt in einer Gesellschaft an, in der zu viele Menschen in einfachen Schwarz-Weiß-Mustern und vorgegebenen Schubladen denken und aus purer Angst den Schwarzmalern und Brandstiftern unserer Tage blind bereit sind zu folgen. Die Musiker geben aber keinen Weg vor, heucheln nicht, die Lösung für die Probleme schon parat zu haben. Sie zeichnen lediglich sehr treffend den düsteren Status Quo nach, den auch das Cover-Artwork mit der nach Rettung suchenden Hand eines Ertrinkenden widerspiegelt – und dem jeder einzelne Hörer die helfende Hand entgegenstrecken kann.

NAECHTE gehen in ihren beiden Songs „Mit dieser Angst“ und „Stoßgebet“ etwas weniger brachial vor, legen dafür aber mehr Tempo vor. Wobei es mehr das Schlagzeugspiel ist, das wie wild geworden nach vorne prescht und immer wieder stimmig von den Saiteninstrumenten eingefangen wird. Dazu glänzt der Gesang in allerbester Emo-Punk-Manier. Das ist wirklich ganz groß.

Es kann also nicht die Rede davon sein, dass eine Band hier die andere überholt. Den emotionalen Höhepunkt der Split verbucht allerdings havarii. für sich. Denn wenn Sängerin Mareikes Stimme gegen Ende von „Zwischen Welten“ bricht und die Frontfrau mit letzter Kraft ihre Wut und Verzweiflung herausschreit, dass einen die Gänsehaut noch einholt, wenn der Song längst verklungen ist, ist das wirklich absolute Königsklasse.

NAECHTE und havarii. liefern mit „Tremor“ eine Split ab, die beide Bands in absoluter Hochform präsentiert. Das ist mehr als Post-Hardcore mit Message. Das sind beklemmende Hörspiele, die eine bessere Welt einfordern – und davon kann es gar nicht genug geben. Man kann nur hoffen, dass es in beiden Fällen eine Fortsetzung in Albumlänge gibt.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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