Hellions – Rue

Album Rue
Band Hellions
Label UNFD
Musikrichtung Crossover, Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
5

Den Hellions aus Australien scheint auf ihrem vierten Longplayer die Sonne aus dem Hintern. Und zwar ohne Anlauf und doppelten Boden: Nach einem an Jahrmarktsmusik erinnernden Intro klingt „Odyssey“ direkt ein bisschen wie das Weihnachtsalbum von Bad Religion. Fröhlichkeit in die Fresse. Wer hier irgendwie melodischen Hardcore erwartet hat, liegt anscheinend ziemlich falsch und darf gerne irritiert sein. „Mister, why so blue? Can’t you see the children smile at you?“ Die Ansage ist eindeutig: Breites Grinsen und dicke Gitarren, Zuckerwatte statt brachialer Wut. Da überrascht die Boyband-artige Tanzchoreographie im Videoclip zu „X (Mwah)“ auch nicht mehr. Offenbar ist das hier ernst gemeint. Dieser Band geht es gut! Möglicherweise zu gut.

„I am ready to run, are you ready?“ „Smile“ punktet mit starker Hook und fluffigem Synthesizer. Wie auch in „Furrow“ wird in den Strophen gerappt und dann ungezügelt den epischen Melodien freien Lauf gelassen. Das erinnert zwar mitunter durchaus an dunkelste Crossover-Stunden von vor 15 Jahren und Fred Dursts schlecht sitzende Basecap, die gute Laune ist aber durchaus ansteckend. Der Titeltrack wartet dann sogar mit klassischem Gesang auf, könnte – vom fröhlich knüppelnden Schlagzeug einmal abgesehen – auch von Papa Roach oder Fall Out Boy stammen.

Mehrere Interludes greifen die Kirmes-Stimmung auf und betten den Rap-Rock-Hymnen-Zirkus in ein an Konzeptalbum erinnerndes Korsett. Vor dem geistigen Auge: eine Hüpfburg und zahlreiche breit grinsende Kinder, die ungehindert auf dem am Zuckerschock gestorbenen Leichnam des altehrwürdigen Punkrocks herumtrampeln. „Get Up!“, gegen Ende der Platte, ist dann die komplette Limp Bizkitisierung des Hellions-Sounds. Uff. Wie viele Prozacs einzuwerfen ist eigentlich noch gesund? „Harsh Light“ setzt sich mit Strandgitarre, Handclaps und Whoa-ohs obendrauf. Mike Shinoda gefällt das. Die Australier sind mittlerweile vollends im Stadion angekommen und seifen ihr Publikum in Zuckerwasser ein – ob es will, oder nicht. Heute wird gefeiert, bitte!

Gegen dick aufgetragenen, hymnischen Crossover ist eigentlich ab und zu nicht viel einzuwenden: Sich aber in praktisch jeder Nummer auf den weltumarmenden, überlebensgroßen Chorus zu verlassen, wirkt schnell ermüdend. Zumal, weil nicht jede Melodie zündet und sich auf dem durchaus hohen Niveau von „Smile“ oder „X (Mwah)“ befindet – die somit vollkommen zu Recht als Vorab-Singles veröffentlicht wurden. Unterm Strich: Fett produzierter, aber auch käsiger „Nu-Rock“, unter dessen glänzender Oberfläche man das solide musikalische Handwerk und den Hardcore-Background der Hellions kaum noch erkennt. Was aber auch das mit „Rue“ ganz bestimmt neu hinzugewonnene Publikum gar nicht groß interessieren dürfte.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Die besten Konzerterlebnisse u.a. Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Wolf Alice (Frankfurt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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