Hey Ruin – Poly

Album Poly
Band Hey Ruin
Musikrichtung Punk, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
6

Der Titel verspricht es und der Inhalt beweist es: Hey Ruin haben sich mit ihrem zweiten Album der absoluten Vielseitigkeit hingegeben. Von Beginn an ist kaum auszumachen, was das Quintett auf „Poly“ eigentlich genau macht. Punk scheint in all seinen Facetten ebenso durch wie Indie und Alternative – alles und nichts scheint die Devise gewesen zu sein. Einfach machen und schauen, was dabei herauskommt.

Beginnt Opener „Ram“ so mit einem eingängigen Pop-Rock-Intro mit Indie-Einschlag, folgt schnell der Umschwung ins Monotone. Umgehend wird alles drückender, der Ton schärfer und die markige Stimme von Sänger Sebastian legt sich wie ein weiteres Instrument auf die Musik. „Das da sind keine Häuser, das sind Lager, kein Zuhause. Das ist doch keine Hilfe, nur Betäubung.“ Ein nur allzu deutlicher Kommentar zur Lage von Geflüchteten.

Nachfolger und Titeltrack „Poly“ folgt dagegen einem ganz anderen Schema. Der fröhlich-klingende Indie-Rock-Song ist durch und durch ein tanzbarer Hit mit hoher Radiotauglichkeit – allerdings im besten Sinne. Doch nicht nur die Musik hält den Hörer hier davon ab, wegzuschalten und seine Gedanken schweifen zu lassen, auch textlich halten Hey Ruin ihr Publikum gekonnt bei der Stange: „Die Erde ist nicht rund, sie hat tausend Seiten. Wer um die Ecke sehen will, muss sich nur zur Seite neigen. Die Erde ist nicht rund, sie hat tausend Seiten. Wer über den Rand hinaussehen will, muss nur etwas höher steigen.“ Eine Ode an die Vielseitigkeit der Welt und ein Seitenhieb für diejenigen, die sich trotz oder gerade wegen dieser wunderbaren Tatsache nicht mehr vor die eigene Haustüre trauen und sich im Nachmittagsfernsehen verlieren.

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands und Musikern, die zwar hervorragend darin sind, Probleme zu benennen und Kritik zu äußern, kreiden Hey Ruin nicht nur an, sondern nehmen sich und ihr Benehmen auch selber in die Mangel. Den jungen Männern ist durchaus bewusst, dass ihre eigene Bequemlichkeit ebenfalls Teil des Problems ist und ein Grund, warum sich die Welt nicht von heute auf morgen zum Besseren wenden kann. „Für immer Halbschlaf, gefangen in Gewohnheit, die Konstante, die dir heilig bleibt. Dieses Klingeln an der Tür, in der Hoffnung, dass niemand aufmacht“ („Cortextrouble“). Auf einer Seite simpel, doch auch so intelligent und verschachtelt formuliert, dass die Langeweile nicht automatisch Einzug erhält.

Vorhersehbar ist auf „Poly“ lediglich der Albumtitel selber, der genau das verspricht, was man auch bekommt. Die Truppe bringt in die Songs Spannung und Freude in die gängige Monotonie des Repetitiven und überzeugt auf Albumlänge mit einer musikalischen Vielfalt, die die wenigsten Bands an den Tag legen. Der berühmte rote Faden bleibt aber auch hier nicht aus: Die markige Stimmfarbe von Sebastian zieht sich konsequent durch alle neun Songs und hält sie als Einheit fest zusammen.

Hey Ruin ist eine klare Weiterentwicklung zum vorherigen Longplayer „Irgendwas mit Dschungel“ gelungen. Noch immer etwas für Freunde experimenteller, alternativer Musik, doch in einer solchen Machart, dass auch „Genrefremde“ wahrscheinlich nicht umhinkönnen, hier einmal genauer hinzuhören.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
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