Hysterese – s/t (3)

Album s/t (3)
Band Hysterese
Musikrichtung Punk Rock
Redaktion
Lesermeinung
6

Hysterese zeigen Profil. Nach zwei Alben, die vor Energie nur so sprudelten, scheinen die Tübinger Punks auf Album Nummer drei ihren Ungestümen Punk im Zaum halten zu wollen – und bringen einige Neuerungen in den eigenen Bandkosmos. Ein Konzept das furchtbar viel verspricht, aber auch nach hinten losgehen kann.

Dabei klingt zunächst alles sehr vertraut. Im Opener „Fortune“ zeigen Hysterese, was sie als Band ausmacht: dynamischer Punk mit eingängigen Melodien und diesem unvergleichlich packenden Gesang. Spätestens in „The Fighters“ wird aber klar, dass hier etwas anders ist. Die ungekrönten Könige der deutschen DIY-Punkszene erweitern ihren Werkzeugkasten und packen sich ein paar neue, spitze Gerätschaften ein. Vorschlaghammer und Kreissäge kommen immer seltener zum Einsatz, dafür verfeinern Skalpell und Feile jetzt das Repertoire. Die Gitarren sind spielfreudiger, der Gesang nicht mehr ganz so ungestüm und das Songwriting differenzierter. Hier kommt richtig Abwechslung in die Bude.

Das macht Hysterese aber noch nicht zu filigranen Soundtüftlern, denn was gut ist, darf auch bleiben: Die Songs strotzen noch immer vor latenter Frustration, Moritz und Helen feuern sich mit ihrem Wechselgesang noch immer gegenseitig an und Haug und Kai an Bass und Schlagzeug liefern wieder das Grundgerüst für eine fulminante Punk-Rock-Show der Extraklasse. Das packt von der ersten Minute an und lässt einen bis zum letzten Song nicht mehr los.

Damit die Band auch auf ihrem dritten Studioalbum den richtigen Ton trifft, verhalf Fabian Schaller in den Tübinger Milchwerk Studios zu einem klaren, druckvollen Sound. Für Moritz und Helen kein unbekannter, mischt er doch nicht nur an der neuen Platte, sondern auch in deren anderer Band EAT//READ//SLEEP mit. Es bleibt also doch alles in der „Familie“ – denn Fabe weiß genau, wie Hysterese klingen müssen, auch wenn sich das Soundgewand etwas abgewandelt hat. Und so fühlt man sich bei Songs wie dem treibenden „Echo“ oder dem stürmischen „Shame“ gleich wieder zu Hause. Was sollte hier also noch mal poppiger sein?! Richtig, es gibt ja noch Songs wie das mit fettem Rockriff und grandiosem Gesang aufgeputschte „Bloodshot“, das freischwimmende „Nostalgia“ oder das über einen Elektro-Beat hüpfende „Black Hearts“. Bei letzterem lässt dann kitschiger New Wave grüßen – geht aber trotzdem ziemlich gut ins Ohr.

Das Quartett zeigt Profil, Gesicht und sich selbst von einer bisher unbekannten Seite. Poppigeres Album hin oder her. Das hier schreit noch immer nach autonomen Jugendzentren, Bier aus Flaschen und einem schweißtreibenden Abend, den man ohne eine Minute verpassen zu wollen, vor der Bühne verbringt. Im Herzen sind Hysterese noch immer die Lieblingspunks, die sie auch schon zuvor waren – jetzt halt um eine gelungene Weiterentwicklung reicher. Die Szene wird’s ihnen danken.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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