Incendiary – Thousand Mile Stare

Band Incendairy
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
7

Hardcore ist mehr als Musik. Hardcore ist auch immer politisch oder sollte es zumindest sein. Das wissen auch Incendiary. Mit Titeln wie „Zeitgeist“ oder „Force Of Neglect“ prangerte die Band aus Long Island auf ihrem letzten Album „Cost Of Living“ Missstände in der Gesellschaft an: Polizeigewalt und soziale Ungerechtigkeit. Vier Jahre ist das jetzt her, die Themen aktueller denn je. 2013 zählte „Cost Of Living“ zu den Highlights des Hardcore-Jahres. Was nun kann „Thousand Mile Stare“? Die Erwartungen an eine der besten Hardcore-Bands dieser Tage sind hoch.

Die Vorabsingle „Product Is You“ setzte bereits anderthalb Monate vor Veröffentlichung von „Thousand Mile Stare“ die Messlatte für das gesamte Album: Ein brachial harter Song, der sich um den Preis dreht, den alle Dinge im Leben haben – sei es nun die individuelle Freiheit oder das politische Mitbestimmungsrecht. Incendiary wissen, wo sie in diesen Tagen, zwischen den großen Wahlen und Wendepunkten in den USA und Europa, ansetzen müssen. Und so ist auch „Front Toward Enemy“ ein Schlag in die Magengrube und ein Weckruf zugleich: „They got their trigger fingers moving / Oppression’s common theme / The silent finally scream“.

„What happens when the establishments of power start to feel shaky and compromised due to a changing tide?“ Darauf soll „Thousand Mile Stare“ die Antwort sein, so Gitarrist Brian Audley über das neue Album seiner Band. Musikalisch setzen Incendiary diese Antwort so um, wie man es von ihnen gewohnt ist: Brachial und bretthart. Songs wie „No Purity“ oder der Opener „Still Burning“, welcher ein Appell ist, niemals aufzugeben, egal wie rau die Welt um einen herum auch erscheinen mag, sind mit Breakdowns bestückt, die man schon beim Hören schmerzlich spürt und die in den Moshpits ihre volle Wirkung entfalten dürften. Metallischer 90’s Hardcore at it’s best, wie ihn Bands wie Damnation AD oder Indecision vor rund 20 Jahren nicht besser gemacht haben.
Für eine politische Schlagseite sorgen dann nicht nur das bereits erwähnte „Product Is You“, sondern auch „Sell Your Cause“ und „Fact Or Fiction“. Letzterer Song dreht sich darum, das wir nicht in einer post-faktischen Welt leben, sondern dass das einzige, was zählt, die Wahrheit ist. Die Wahrheit beeinflusst die Menschen und die Politik – und nicht die Politik die Wahrheit.

„Thousand Mile Stare“, ein Begriff, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg als Synonym für die desillusionierten Blicke der heimgekehrten Soldaten benutzt wurde. Ein Begriff, den man auch heute noch benutzen könnte, wenn man die Leben vieler Menschen rund um den Globus beschreiben möchte. „Thousand Mile Stare“ ist ein Ausrufezeichen. Ein Hardcore-Album mit gesellschafts- und polit-kritischen Engagement, welches druckvoll dem Jahr 2017 und all denen, die nur zu Hause sitzen und beobachten, was draußen geschieht, einen Tritt in den Allerwertesten versetzt. Actions speak louder than words – und Incendiary liefern den Soundtrack dazu.

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

Kommentare

  1 kommentar

  1. Peter

    Großartig (auch die Rezension)!

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