Interpol – El Pintor

Album El Pintor
Band Interpol
Label Matador
Musikrichtung Indie, Punk
Redaktion
Lesermeinung
3

Indie-Rock ist prätentiöser Rotz – zumindest wenn es nach Tom Berninger geht. Der Bruder von The National-Sänger Matt Berninger ist nicht nur bekennender Metalhead, sondern hält offensichtlich auch relativ wenig vom Broterwerb des Älteren. Bleibt bloß zu hoffen, dass dieser ihn für diese Frechheit nicht zum Interpol hören verdammt. Denn wer The National für, sagen wir, etwas aufgeplustert hält, dem können Tom Banks & Co nur wie arrogante Hochstapler vorkommen. Groß jucken dürfte dies die New Yorker freilich nicht.

Wer sich auf der Bühne nur im Anzug zeigt (und diesen im Gegensatz zu den Hives mit sakralem Ernst trägt), wer nur die größte Geste für groß genug hält und wer dann allen Ernstes noch ein Anagramm als Albumtitel wählt, der weiß um seine Rolle – der beherrscht sie perfekt. Und genau deshalb fällt der Ausstieg von Bass-Virtuose respektive Ober-Selbstinszenierer Carlos Dengler auch kaum ins Gewicht. Der Interpol-Masterplan steht ohnehin. Für „El Pintor“ bekam er aber noch einen extra dicken Anstrich verpasst: Pathos mundet eben am besten pompös serviert.

Daher darf „All The Rage Back Home“ sich auch nur für eine flüchtige Minute als sachte Ballade verkleiden. Interpol nehmen ihr Mantra schließlich ernst. Also schießt alsbald ein wabernder Bass den zarten Schmetterling in höchste Sphären: Überbordende Gitarrenwände, erhabene Keyboardteppiche und natürlich Hall, Hall, Hall – nur so können die New Yorker befreit atmen. Der grandiose Opener ist da bei weitem nicht das höchste der Gefühle, dafür ist er zu gut als Ohrwurm und Anbiedern steht der Interpol’schen Opulenz nicht gut zu Gesicht!

Tom Banks Klagen über Liebe und Leben funktionieren am besten, wenn Interpol sich vollends in ihrem Kosmos vergessen. Wenn die Trägheit seiner Stimme in der geballten Tragik der Musik aufgeht, ganz so wie es das Trio etwa in „Ancient Ways“ par excellence zelebriert. „the city needs us and all our names, enterprise in her eyes , but beneath us an empire grows, every stage we align” Prätentiös ist eine wohlfeile Untertreibung für die pastorale Erhabenheit mit der Banks & Co ihre Dramen inszenieren. Vermutlich können nur auf diese Art derart mächtige Post-Punk-Ungetüme wie „Everything Is Wrong“ oder „Anywhere“ entstehen. “am I more soulful? am I coming down now? can we start over as agents of peace? everything is wrong, wrong, everything is wrong – truly wrong!”

Natürlich ist auch „El Pintor“ wieder eine elegante Verbeugung vor Joy Division geworden, allen voran seine Mini-Hymne „My Blue Supreme“. “when love comes, honey, take it, only one in a hundred make it and they can tell there’s nothing to fake” Gepaart mit sachtem Road-Trip-Feeling klingt das für Interpol beinahe heiter.

Ist freilich nur ein Versehen. „El Pintor” ist klassisches Interpol-Theater. Routiniert, raffiniert und erhaben. Dass sie bisweilen Gefahr laufen sich zu sehr am eigenen Prunk zu ergötzen, macht da nicht viel kaputt. Weil es bei den alten Herren eben keinen überrascht. Wahrscheinlich funktioniert ihre Musik letztlich auch nur deshalb so gut. Sie nehmen es nicht in Kauf, dass ein Tom Berninger und unzählige Andere sie für großspurige Affen halten – sie wollen es.

Das ist ein Kompliment.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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