J Mascis – Elastic Days

Album Elastic Days
Band J Mascis
Musikrichtung Indie, Folk
Redaktion
Lesermeinung
0

Schon Benjamin Franklin wusste: „Nur drei Dinge auf dieser Welt sind uns sicher: der Tod, die Steuer und J Mascis.“ Nun sind es zwar nicht ganz drei Jahrhunderte, die der Chef-Dinosaurier ungestört vor sich hin musiziert, aber vom Gefühl her kommt er schon nahe dran. Und wieder ließ sich die Uhr danach stellen, dass sich auch der neueste Output des grauhaarigen Kauzes mit Faible für grelle Farben und Skateboards nicht allzu weit vom alteingesessenen Signature-Sound seiner Stammband entfernen würde. „Elastic Days“ nun also, die je nach Geschichtsschreibung dritte bzw. siebte Episode der Solo-Karriere – oder die gefühlt zweihundertste Dinosaur Jr.-Platte, wenn man frech ist. Doch Obacht! Manches ist diesmal tatsächlich ein bisschen anders.

Zunächst eine Bestandsaufnahme: Während bei den auf ewig jungen Dinos seit Äonen übertrieben verzerrtes Feedbackbrausen den Ton angibt, filtert Mascis wie gewohnt den Noise für seinen ganz ganz eigenen musikalischen Ansatz heraus und verlässt sich auf die Akustische und sein Songwriting. Im Direktvergleich klingt das mitunter ein bisschen nackt und reduziert, wie das Gerippe des sonst so mächtigen T-Rex. Ohne Verstärkerturm zum dahinter Verstecken aber zeigt sich – Singer-Songwriter-Floskeln stimmen halt meistens doch! – die (noch) sanftere Seite des ohnehin meistens recht gemütlichen Herbivoren. Und der schreibt einfach wunderschöne Songs.

In „Picking Out The Seeds“ sogar im Falsett, vor allem aber – und das ist dann tatsächlich ein Novum – mit mehr treibendem Schlagzeug als auf den letzten Platten (am prominentesten in „Cut Stranger“). Hier schließt sich ein Kreis, hat der kleine Joseph doch zu Anbeginn der Zeiten einst an genau diesem Instrument seine ersten Gehversuche unternommen. Den ur-amerikanischen, luftig-leichten Indie-Folk macht das folgerichtig ein bisschen zackiger. In vielen Songs grätscht zusätzlich ein verzerrtes E-Gitarrensolo dazwischen, das es nicht auf das nächste Dinosaur-Album geschafft hat. J Mascis ruht in sich, meditiert vielleicht gar, nölt und slackt wie ’91 und gibt dabei weiterhin die bestmögliche Figur ab, die man mit beinahe 53 und einem derart unverwechselbaren, eigenen Stil nur abgeben kann.

Das meiste an „Elastic Days“ kommt also trotz dezenter Sound-Verschiebungen nicht unerwartet, bleibt aber immer gewohnt gut. Hier kann sich die von Punk und Hardcore geschundene Hörerseele wieder in eine zwar melancholisch angehauchte, aber tröstende Umarmung retten und die neueste Ration Streicheleinheiten abholen. Im Westen nichts Neues, in der Sub Pop-Garage sowieso nicht – hier herrschen auf ewig die Neunziger, und mag auch eines Tages die Welt untergehen, J Mascis bleibt. So ein Gefühl der Sicherheit und Beständigkeit ist aber manchmal tatsächlich ganz schön und dann auch nur maximal ein bisschen spießig.

„Hey now, it’s me.“ J Mascis ist der gutmütige Onkel, den manche Verwandten immer etwas seltsam finden werden, der einem aber auf jeder Familienfeier ein bisschen Taschengeld zusteckt und von seinen Abenteuern in fernen Ländern erzählt – ob die nun erfunden sind oder nicht. Für manche auch ein alter Freund und langjähriger Wegbegleiter, auf den schon immer Verlass war. Vor allem aber nicht weniger als ein begnadeter Musiker und überragender Künstler. Auf die nächsten drei Jahrhunderte.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream, Placebo - s/t, The National - Boxer/High Violet, Nirvana - In Utero
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Wolf Alice (Frankfurt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

Hinterlasse einen Kommentar