Jesus Piece – Only Self

Album Only Self
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
8

Ab in Deckung oder mittenrein? Jesus Piece rühren mit ihrem Debütalbum „Only Self“ eine explosive Mischung an, die jeden Mosh-Pit in das lodernde Cover-Inferno verwandeln dürfte. Da hilft dann auch keine Brandsalbe mehr. Anläufe gab’s bereits ein paar: Die Band aus Philadelphia veröffentlichte bereits 2015 eine erste EP, in 2016 eine Demo und 2017 zusammen mit Malice At The Palace eine Split-EP. Jetzt hat sich die Band zum ersten Mal auf Albumlänge versucht – und über welches Label sollte dieser Sound besser verbreitet werden als über Southern Lord? Denn der Bastard, den Jesus Piece hier fabriziert haben, klingt nach der Kreuzung aus ungeschliffenen Code Orange und mit zu viel Adrenalin aufgeladenen Nails. Eine Mixtur die zündet wie Magnesium.

Ungestüm, gewalttätig und zu keinem Kompromiss bereit, knüppeln, dreschen und growlen sich die Amis durch zehn Song. Eine knappe halbe Stunde, die sich anfühlt wie ein Besuch im Schlachthaus durch die falsche Tür. So etwas wie Melodien sucht man vergebens. Ansätze dazu kann man in Songs wie „Punish“ oder „Curse Of The Serpent“ zumindest erahnen. Aber Jesus Piece wollen hier ja auch kein Verwöhnprogramm für strapazierte Ohren starten. Lieber reißen sie die Wunde noch weiter auf und spucken nochmal kräftig Salzlake rein. Jesus Piece stehen einfach auf scharfe Kanten und abstehende Nägel, die sich tief ins Fleisch bohren und garnieren ihren derben Hardcore nur allzu gerne mit angepissten Doom- und Sludge-Elementen. Eigenwillig könnte man das nennen – oder eben auch talentiert. Nicht umsonst wird die Band schon seit längerem als der neue heiße Scheiß im Hardcore gehandelt.

Eigenwillig ist aber definitiv der 90-er-Jahre-Style des Cover-Artworks, das so auch bei Faith No More oder Biohazard Verwendung finden hätte können. Visuell wie Akustisch ist „Only Self“ in 2018 eben ein Fall für sich, der sich mit zunehmender Laufzeit immer weiter zuspitzt: Durch die zahlreichen Double-Bass-Attacken und knallhart rausgepressten Riffs dringen immer wieder die gekeiften und geschrienen Vocals, bis sich das Album im mäandernden „Dog No Longer“ in eine gewaltige Abwärtsspirale begibt, um in den tiefsten Abgründen der Höllenglut liegen zu bleiben. Hier endet der blutlüsterne Teil von „Only Self“ und führt das Album mit den Songs „I“ und „II“ einem Ende entgegen, das man so nicht unbedingt erwartet hätte. Für Extreme hat dieses Quintett definitiv eine Schwäche – wobei letzteres Wort in deren Wortschatz sonst eher nichts zu suchen hat.

Jesus Piece legen mit „Only Self“ ein packendes Debüt vor, auf dem außer dem Hörer nichts geschliffen oder glattgebügelt wird. Wird der Begriff bei vielen anderen Veröffentlichungen vielleicht zu inflationär benutzt, steht er hier ohne Zweifel richtig, denn wie sollte man „Only Self“ anders bezeichnen, wenn nicht als kompromisslos? Am besten selbst überzeugen. In Deckung gehen bringt ohnehin nichts. Die Band zieht einen schon von allein in den Mosh-Pit.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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