Julien Baker – Turn Out The Lights

Musikrichtung Singer-Songwriter
Redaktion
Lesermeinung
7

„I wish I could write songs about anything other than death“ sang Julien Baker 2015 in „Sprained Ankle“. Natürlich ist das erst einmal plakativ zu verstehen, mitnichten dreht sich alles nur um das schnöde unausweichliche Ende. Doch ist schnell klar: Bakers Songs drehen sich um die kleinen und großen negativen Aspekte des Lebens, vergessen aber trotzdem nie, dem Zuhörer das Handwerkszeug zum schlichten Durchhalten an die Hand zu geben. Nicht in Form pathetischer Parolen, manchmal schlicht durch die musikalische Untermalung – und diese einmalige Stimme, die, obwohl in Klangfarbe nicht gerade voll und voluminös, immer wieder einzigartig in der Lage ist, zu verzaubern.

Bakers Songs sind unglaublich klug in ihrem Umgang mit Themen wie Depression und Ängsten und deren Folgen für zwischenmenschliche Beziehungen, sprechen die Dinge klar an, ohne sie auf eine Art und Weise romantisch zu verklären, wie das bei anderen künstlerischen Werken gerne der Fall ist. Immer wieder schafft sie es, innermenschliche Paradoxien in ein passendes Gewand zu hüllen, aber auch immer wieder – und das ist vielleicht ihre größte Leistung – einen positiven Grundtenor in ihrem Schaffen zu halten. Dafür bedurfte es freilich eines langen Weges, den die 22-jährige selbst beschreiten musste, als queere Christin aus den amerikanischen Südstaaten.

Die beiden Vorab-Singles „Appointments“ und der Titeltrack „Turn Out The Lights“ sind vordergründig zunächst die Highlights ihres zweiten Albums – eingängig und mit der simplen Aufschlüsselung, nach hinten heraus richtig laut die Armhärchen des Hörers verrückt spielen zu lassen – ein bewährtes Mittel. Doch am Ende stellt sich heraus: Jeder einzelne Song auf „Turn Out The Lights“ ist eine kleine Perle, musikalisch oder inhaltlich, im Normalfall sogar beides. Völlig egal ob im mit einer vor sich hinplätschernden E-Gitarre untermalten „Shadowboxing“, mit Piano wie in „Televangelist“ oder klassisch mit Akustikgitarre bewaffnet in „Even“, das in seiner unaufdringlichen Zurückgenommenheit und mit immer wieder brechender Stimme vielleicht sogar zum emotional direktesten Song des Albums wird. Die mit Streichern versetzte Ballade „Claws In Your Back“ schließt „Turn Out The Lights“ dann sogar vergleichsweise pompös, aber mehr als passend ab.

Baker ist die subkulturelle Stimme einer Generation voller Selbstzweifel, bisweilen ohnmächtig vor den schier unendlichen Möglichkeiten, gefangen im eigenen Kopf und dennoch immer gezwungen in die direkte Interaktion mit der eigenen Umwelt, immer auf der Suche nach ein wenig Linderung für die innere Zerissenheit. Selbst von ihren traurigsten und verzweifelsten Songs geht eine einnehmend reinigende Wirkung aus, eine Katharsis die nie anmaßend daher kommt, aber tief in der Seele wirkt. „Turn Out The Lights“ ist sogar noch besser geworden als der Vorgänger und gehört ohne wenn und aber in jede Best-Of-Liste 2017.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
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