Kettcar – Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)

Band Kettcar
Musikrichtung Indie-Rock
Redaktion
Lesermeinung
5.5

Hamburgs Indie-Veteranen haben wieder Blut geleckt und die fulminante Rückkehr mit „Ich Vs. Wir“ war nur der Anfang. Mit dem kleinen Bruder „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ bleiben sie im Fahrwasser, obgleich es diesmal nicht um Populismus, Flüchtlingskrise oder rechte Gewalt geht. Debattenthemen gibt es eben auch noch andere. Ein breites Feld, das bespielt werden will. Er glaube, dass Kettcar die richtige Band sei, um Stellung zu beziehen und klar politisch nach vorne zu gehen, sagte uns Bassist Bustorff vor kurzem. Wer würde da widersprechen?

Zweifellos, die großen Themen liegen ihnen. Bester Beweis: Die Hymne für Modernisierungsverlierer – freilich partout nicht zum Nachahmen empfohlen! „Palo Alto“ ist ein klassischer Kettcar-Song, mitreißend-treibende Gitarren und ein exzellenter Text. Ernstes Thema, absoluter Ohrwurm – „Palo Alto burn!“. Die Schattenseite der Digitalisierung kann so gut klingen.

„Hallo Herr Kaiser, setzen Sie sich zu uns und erzählen Sie von den Zeiten in der Bank, in der Sie arbeiteten, die Wäsche wäscht sich von alleine, was ich meine ist: Niemand braucht mehr jemanden, der hinter einem Schalter sitzt.“

Auf dem bissigen „Scheine in den Graben“ haben die meisterhaften Pathos-Melodien indes Pause. Wortgewandt und druckvoll unterlegt, spielen Wiebusch und Co. mit dem Für & Wider von medienwirksamen Charity-Events. Derlei Veranstaltungen sind immer auch gute PR für die generösen Geldgeber – eine Art moralischer Ablasshandel eben. Einmal Spenden und das Elend dann wieder eine Weile ignorieren. Die Notleidenden werden sich über das Geld wohl trotzdem nicht beschweren – ganz gleich mit welcher Motivation es gespendet wurde. Und wie es sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Benefiz-Compilations gehört, haben auch Kettcar selbst prominente Gäste im Boot: Die Liste reicht von Bela B, über Kraftklub-Frontmann Felix Brummer bis hin zu Vorzeigeschreihals David Frings von FJØRT.

Mit „Natürlich für alle“ geht es etwas ruhiger zu. Auf seinem ausladenden Synthie-Teppich kommt das Stück fast tanzbar daher. Thematisch wird’s grundsätzlich: „Jeder ausgegebene Cent ein Statement, jeder Euro benennt konsequent unser gutes Verbrauchen.“ Kann ich mit meinem Kaufverhalten die Welt verändern? Macht es einen Unterschied, wenn ich einsamer Konsument Amazon knallhart boykottiere? Bin ich dann wenigstens einer von den Guten? Irgendeine Angriffsfläche bietet man immer und wenn es die Urlaubsreise mit dem Flugzeug ist. Da kann man noch so viel bei Alnatura kaufen und brav mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – der süße Duft der Widersprüchlichkeit eben. Nur entmutigen sollte er einen nicht. Veränderungen beginnen schließlich im Kleinen, auch wenn niemand von uns ein Heiliger ist. Ein wenig Demut hat noch keinem geschadet.

Das schleppende „Notiz An Mich Selbst“ fällt im Vergleich mit den vier übrigen Stücken ein wenig ab. Die Lyrics allerdings sind auch hier allererste Güte: „Rock gegen Rechts spielen, klar, wenn’s in den Zeitplan passt. Gut fühlen, wenn man das Böse mal ‘ne zeitlang hasst.“ Wenn Wiebusch im zurückgenommenen „Weit Draußen“ über das Leben mit einer Freundin singt, die mit ihrem behinderten Kind aufs Land gezogen ist, dann ist es um einen aber ohnehin geschehen. Auf Deutsch rutschen derlei Stücke ja gefährlich leicht ins Kitschige ab. „Weit draußen“ dagegen rührt einen zu Tränen – Chapeau, die Herren.

 „Ich konnt‘ euer Mitleid nicht mehr ertragen, wie ihr mein Kind angesehen habt und dann mich“ / „Und ich weiß, dass du dir es nicht vorstellen kannst, mit wie wenig man lernt auszukommen, wenn man nichts mehr verlangt“ / Ich schwör, ich liebe mein Kind, aber ich hasse mein Leben“

Fürwahr, diese Reise ist noch lange nicht zu Ende.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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